Betrachtung eines Films.

Nein, er hatte wirklich keine Zeit mehr. Als wir vor vielen Jahren nach einem Termin suchten, fanden wir den Neujahrstag. Wir haben ihn genutzt, den ganzen Tag. Es war unsere letzte Begegnung. Gundi war mein Freund, wir kannten uns seit den Siebzigern. Und nun sitze ich da und habe einen Film gesehen, der so heißt wie er und ich weiß schon, dass einen Unterschied macht, ob man im Leben und auf der Bühne steht oder auf der Leinwand zurückkehrt. Zwanzig Jahre danach. Und ich werde jedem raten, diese zwei auseinanderzuhalten, diesen Gundermann und den Gundi, der, ich sagte es schon, am Neujahrstag Zeit dafür fand, über die Zeiten zu reden. Und jetzt vergesse ich meinen Rat, denn ich bin ja derselbe wie damals, jedenfalls bin ich das zu einem Teil. Und frage mich, der, der da zurück kehrt mittels der Leinwand, wer ist das? Was ist geschehen?

Was ist ihm geschehen? Was ist uns und mit uns geschehen? Es ist, ich sage es vorweg, es ist ein wichtiger Film. Es ist ein Film, der mich trifft und betrifft. Ich habe an ihm nichts auszusetzen, wohl aber anzumerken. Wer wäre ich denn? Und erst er? Es sind Jahre vergangen und wir sitzen uns gegenüber. Ein bisschen schräg, aber es geht, wir sehen uns irgendwie. Aus den Augenwinkeln. Es sind noch sechstausend weitere Leute gekommen. Abends, an der Elbe. Ich kenne einige davon, wir grüßen uns. Winken uns zu. Die Schlange am Eingang war sehr lang. Zwischen Siebzehn und Siebzig, denke ich. Das ist doch was. Der wird ja immer lebendiger, der Mann, der Gundermann. Hier im Osten, im sozusagen Heimspielstadion. Jetzt geht’s los. Die Songs kenne ich, ich kenne sie alle, ich kenne noch ein paar dazu. Ich kann mitsingen. Die da vorn jetzt spielen haben bei dem Film mitgemacht. Spielfilm. Kein Dokfilm. Alle Leute sind Darsteller. Auch die Musiker. Nichts ist vermischt. Es ist ein Film. Dann die Umbaupause und die schreckliche Werbung. Das dauert und ideenlos ist sie auch, die Werbung. Provinz, denke ich. Und sogar die pfeift auf dem letzten Loch. Ach Gundi, die müssen wir aushalten. Irgendwann beginnt wohl endlich der Film. Schnell kommt noch der Regisseur zu Wort. Auch wieder schade, man hätte ihn ja was fragen können. Der Ansager haspelt den Punkt schnell herunter, immer schneller wird er…

Worum geht es eigentlich? Um das Leben des Gundi Gundermann. Um das Leben also, den Tod eingeschlossen. Und um den Ort dieses Lebens. Hoyerswerda. DDR. Schreiben wir es aus: Deutsche Demokratische Republik. Und wir sind schnell beim Thema. Scheinbar jedenfalls. Die Staatssicherheit kommt vorbei. Und sie wird auch nicht so schnell wieder gehen. Sie kommt in zweierlei Gestalt: einmal im Original – und zum anderen dann als ihr Echo: ein dicker Stapel Akten, Täterakte genannt. Die Opferakte ist leider weg, aber die interessiert auch nicht. Hier ist die Akte und jetzt haltet den Dieb. Den machen wir jetzt fertig. Wenn der Film so weiterginge, wäre es jetzt an der Zeit, aufzustehen und zu gehen. So läuft es ja seit dreißig Jahren mit dem Thema und das abgewickelte Land, welches eine Revolution gemacht hatte, ist darüber nahezu verstummt. Das nennt man Aufarbeitung. Nun, man schämt sich ja gern seiner Vergangenheit, vor allem, wenn dies so erwünscht wird. Nur: irgendwann erkrankt man daran. Die Krankheit geht derzeit um auf den Straßen.

Der Regisseur weiß, auf welch heißem Pflaster er sich befindet. Das Leben der Anderen hat vor über einem Jahrzehnt die Richtung angegeben. Böse und Gut wurden ein für allemal geklärt. Es hat zwar keinen Oskar dafür gegeben, was als eine Hommage an die Jury gemeint ist, aber es ist schon der Film geworden, in dem das nachschnüffeln bei den Schnüfflern von damals zum moralisch sauberen Prinzip erklärt wurde. Denn in diesen Zeiten war ein IM ja kein Mensch, sondern ein Täter. Und selbst der Regisseur… aber lassen wir das. Denn das wagt dieser Andreas Dresen nun infrage zu stellen. Er fragt nach den Motiven, er fragt nach der Persönlichkeit, er fragt nach dem Widerspruch. Und plötzlich wird er lebendig, dieser Gundermann, der in einem Land lebte und arbeitete und Lieder machte das er unentwegt ernst nahm. Das Land. Egal, worum es ging. Um den Bagger im Tagebau, um den Kommunismus als Lebensweise, um die unsichtbare Front. Um den Riss durch die Welt. Er war das sich selbst verwirklichende Ideal der sozialistischen Persönlichkeit, des neuen Menschen, des Künstlers, der von eigener Hände Arbeit leben will und nicht von der Kunst, die für ihn etwas anderes ist als die einfache und auch schnöde Arbeit, die aber für ihn auch etwas Grundlegendes hat: dort, wo der Bagger ist, ist sein Boden, dort ist sein zuhause. Man kann das gar nicht einfacher sagen. Er war es wirklich. Was? Das, was diese Partei, die ihn erst nicht haben wollte und dann so schnell wie möglich wieder hinaus warf, einst postuliert hatte. Das neue Leben. Das lebte er ganz praktisch. Und damit stand er freilich im Widerspruch zur Gesellschaft, wie sie war. Und wie sie heute ist, natürlich erst recht. Und es ist alles ganz logisch, wenn man einerseits weiß: Keiner oder Alle. Und andererseits singt: Aber mit `nem Lied fängt es erst mal an. Was? Was fängt damit an? Na, was schon? Und wer? Die Zukunft? Aber was, wenn die Zukunft irgendwie ausfällt, ausgefallen ist? Wenn die Ideale sich als das herausstellen, was Ideale immer sind; die Träume der Idealisten. Und die Wirklichkeit sich nun als eine ganz andere entpuppt. Oder?

Kurz und knapp: Hier findet der Widerspruch statt. Dieser Gundermann hat diesen Riss gelebt. Und das nicht erst seit der Wende. Er weiß eigentlich schon immer, dass es nicht gut um seine Utopie steht. Und das sagt er auch unablässig und jedem und jeder. Dem Parteichef genauso wie der Stasi. Das hält freilich nicht jeder aus. Nicht einmal ein Gundermann. Das macht ihn grob, unfreundlich, herrschsüchtig. Er geht mit seinen Leuten um, dass man nur staunt, dass sie sich nicht gleich davon machen. Er ist selber ein fürchterlicher „Bescheid- Wisser“, wie er einmal singen wird. Und: Das hält er selber nur aus, indem er das Gegengewicht sucht. Und das ist spannend und poetisch. Er findet es, und damit sich, in den Liedern, in der Poesie. Es klingt verrückt. Dieser Gundermann musste all das schreiben, singen, um die Realität auszuhalten. Und ohne diese Realität hätte er nicht schreiben und singen können. Deshalb mag er nicht von ihr lassen und bleibt dabei bis zum Ende. Das ist das Geheimnis, und dies hatte zur Konsequenz, doppelt zu leben. Im wortwörtlichen Sinn. Das lerne ich jetzt. Vor dem Filmbesuch hätte ich das nicht so sagen können. Den ganzen Film trägt dieser Widerspruch. Zwischen dem Bagger und der Musik. Zwischen den Menschen und der Landschaft, und auch zwischen Leben und Tod. Alles ist da zwischen Liebe und Zorn, wie ein anderer Liedermacher einst schrieb.

Diese wunderbare ältere Frau zum Beispiel, die ihm, dem Gundermann erst einmal zeigen muss, was das ist, ein Bagger. Diesem grünen Jungen, der grad eine Armeekarriere weggeworfen hat indem er einen Anlass gab, dass sie ihn hinausgeworfen hatten aus der Offiziersschule. Ja, das war ein Vorteil in dieser DDR. Tiefer konntest du nicht fallen als in die laut Verfassung immerhin führende Klasse. Das Auffangbecken für Zukunft. Das Mahlwerk für Schwache. Du wurdest hier hineingeworfen. Und da war jemand und sagte: Ich halte dich. Schwimmen musst du freilich selber. Man kann das auch als Dialektik fassen. Diesen schönen Widerspruch. Man erträgt ihn wohl am besten mit wenig Schlaf. Indem man ihn lebt. Immer in Doppelschicht. Immer die Kerze an beiden Enden anbrennen. Immer wieder die Erde aufreißen und sehen, wie das Gras wieder und wieder wächst. Und dann, als sei all das nicht genug, eine Liebe haben und sie nicht ausschlagen, sondern um sie kämpfen, auch wenn das ganz einfach heißt, dass ein anderer sie verliert. Ja, so ist das. Das Leben ist nämlich nicht fair. Und es wunderbar in dieser Rolle eine Schauspielerin zu sehen, die vermag, ein wenig über den Dingen zu schweben und der Härte und Brutalität das Sanfte, das Weiche und doch Haltbare entgegenzustellen. Und das Schöne. Diese Conny ist der Mensch, den dieser verrückte Liedermann braucht, sie ist seine Rettung und er weiß darum. Und das muss man erst einmal spielen. Ich bedanke mich für diese Darstellung. Und bei all den anderen Darstellern auch. Ja, bei allen, die diesen Film verwirklichten. Und etwas mehr, etwas, was ich nicht benennen möchte, weil ich es für mich fest halten will. Und nur für mich.

Gundermann lehrt mich etwas über Gundi. Ich weiß, es werden nicht alle glücklich damit. Sie hätten sich gern einfach die Widerauferstehung gewünscht. Immer wissen alle es besser, auch ich hätte eine Menge an Anregungen und Anekdoten beizusteuern. Aber darum geht es nicht in der Kunst. Es geht um die Wahrhaftigkeit. Und ich sage: Ja, alles ist wahr, wirklich nichts fehlt. Nicht einmal er. Wer? Gundi Gundermann natürlich.

Es wird Zeit, wieder online zu gehen. Drei Jahre lang war, mit einer kurzen Unterbrechung, diese Website gesperrt. Hacker hatten sich die Seite wiederholt vorgenommen. Der Provider reagierte wenig hilfreich. Er reagierte nicht einmal, er kassierte nur. Eigentlich wollte ich die Sache schon aufgeben, es ist schließlich reiner Luxus, weiter online zu sein. Das dachte ich inzwischen. Dazwischen.

Also, warum erneut diese Seite betreiben? Sie verursacht Kosten, macht Arbeit, die Rückkopplung ist überschaubar, und der Nutzen nicht zu messen. Der Welt wird sie wohl nicht unbedingt fehlen, und mir, genau genommen, auch nicht. Ich könnte ja meine Meinungen und Bemerkungen auch vom Balkon herunter rufen. Vielleicht würde das sogar jemand hören. Zustimmungen oder Ablehnungen kann ich auch im Fratzenbuch kurz von mir geben, also wozu eine Website? Wozu zum Beispiel einen Blog schreiben? Was hat in diesen drei Jahren denn gefehlt? Hat etwas gefehlt? Ich weiß es wirklich nicht.

Nein, vor der Wende habe ich ihn nicht gekannt. Seine Freundschaft steht ganz oben auf der Habenseite der Zeit danach. Ein wenig versöhnt sie mich mit den Verlusten. Ohne ihn hätte ich wahrscheinlich kein Theaterstück mehr angefasst, denn mein Theater fand noch in einer anderen Welt statt. Es war untergegangen mit dieser Welt.

"Geh mal zum Genosen Rump", soll Pfarrer Michael Gruhl zu Detlef gesagt haben, als dieser jemand für die Regie der Rockoper Jesus Christ Superstar suchte. So berichtet es jedenfalls Detlef, und ich habe noch keine Zeit gefunden, mich bei Michael Gruhl zu bedanken. Denn so kam ich zu Detlef und damit auch zum Rocktheater, das wir dann gründeten. Ausgerechnet dort gründeten, wo ich einige Jahre zuvor aufhören musste. Im Brennhaus, welches einmal das Schicht-Theater war.

Kurt Demmler

Einstmals waren wir befreundet. In den Siebzigern, in Leipzig. Später blieben wir gute Bekannte. Gekannt habe ich ihn schon in der Kinderzeit. Unsere Eltern waren befreundet und er wurde mir immer als Beispiel vorgehalten. Das schafft Abstand. Wir trafen uns dann in der Singbewegung wieder. Später in Schwerin bei den Poeten. Auch zu der ersten oder zweiten Werkstattwoche der Jugendmusik. Und in den Siebzigern dann oft privat – bei Klaus Renft zum Beispiel und in seinem Arbeitszimmer.

Ich habe wohl einige seiner Lieder als erster gehört. Das letzte von diesen war: „aber einer ist immer dabei“ – Jahre vor der Premiere als „Antistasiballade“ auf dem Alexanderplatz.

Ein Gespenst geht um in Dresden. Es hat einen Namen: Pegida. Es spaziert im Dunkeln, abends, an den Montagen. Was es will, ist unscharf. Ist es gefährlich? Wenn ja, für wen? Wenn nein, was will es? Wird es befragt, schweigt es. Was geschrieben steht ist mehrdeutig. Was die Politik zu ihnen sagt, ist ihnen gleichgültig. Sie sind fertig mit ihr. Sie reden nicht mit ihr. Sie misstrauen dem System, den Parteien zuerst. Rassisten, nennt sie die Kanzlerin. Sind sie das? Nazis, kommt es von der Linken. Stimmt das? Ist es der Stammtisch, der auf die Straße geht? Auch der: natürlich. Aber was ist los? Ist das alles? Oder ist es mehr? Sie protestieren. Wogegen. Gegen den Islam? Gegen Ausländer? Gegen welche Bedrohung? Fühlen sie sich bedroht? Wenn ja, wodurch. Durch wen?

Reich sind sie nicht? Sind sie arm? Sind sie schon abgestiegen? Fürchten sie den Abstieg? Ja, sie fürchten den Abstieg: Er steht ihnen bevor. Sie ahnen es. Sie wissen es. Sie kennen die Jobcenter und die Steuerämter. Sie fühlen sich betrogen. Sie sind vor einem viertel Jahrhundert den Sprüchen aufgesessen über die blühenden Landschaften. Die Landschaften sind an ihnen vorbei gegangen. Die Montage von damals haben sie nicht vergessen. Und es wieder Montag. Nur die Zeit ist eine andere. Wissen sie das nicht? Doch, sie wissen es. Sie wissen nur nicht, wie es anders ginge. Sie haben Angst. Der Spaziergang befreit sie. Von dem Gefühl, dass sie nichts tun. Das sie gar nichts tun können. Woher kommt diese Angst?

Sie können lesen und schreiben. Sie sehen Fernsehen. Sie lesen Zeitungen: Die Welt geht kaputt,  warum sollen wir mit kaputt gehen? Das ist ihr Untertext. Sie hoffen auf gestern und sie sind von gestern. Aber sie haben Recht wo sie Recht haben: In der Furcht vor Kriegen. In ihrem Unglauben an die Politik. In ihrer Wut auf die Ämter. Und ihrer Furcht vor dem Rückfall in die Fänge der Religionen. Sie sind Ostdeutsche, sie glauben  nicht gerne. Wie schon gesagt: Sie sind von gestern, doch ein vorgestern wollen sie nicht. Noch nicht.

Ein Gespenst geht um in Dresden. Es hat einen komischen Namen. Es ist zu belächeln. Es ist nicht zum Lachen. Ist es das Volk? Ist es der Mob? Es ist nicht der Mob. Es ist nicht das Volk. Es ist das Fazit der Verzagten. Es ist das Echo des Versagens. Es zwingt den Zustand zum Tanzen. Es spaziert jeden Montag.

Es weiß selbst nicht was es meint. Wenn es zu sich kommt werden wir es wissen.

Gastkommentar  zum Tode von Ralf Giordano

Das war ein Mann: Kämpferisch und unbeugsam bis zum Lebensende. Viele kennen ihn als bedeutenden Fernsehjournalisten – besonders aber durch das Buch „Die Bertinis“ (1982) und dessen Verfilmung im Jahre 1987. Darin beschreibt er, stark autobiografisch, die Geschichte einer Familie während der NS-Zeit: über Einschränkung, Entrechtung, Leben in Hamburg in der Illegalität bis zur Befreiung. (zitiert nach Gerhard Zwerenz, Spiegel, 2.11.1987)

Auch sein zweites Buch, „Die zweite Schuld oder von der Last, Deutscher zu sein“ (1987) erregte in Westdeutschland großes Aufsehen. Er spricht darin „Die letzten Monate vor Kriegsende vegetierten sie in einem Rattenloch dahin. „Das schwarze Haar der Mutter wurde in kurzer Zeit schlohweiß, so groß war die Angst, den Mördern in die Hände zu geraten. Noch an ihrem Lebensende schreckte die Frau zusammen, wenn es an der Tür klingelte.“ vom großen Frieden mit den NS-Tätern nach 1945“, vom "Geburtsfehler der Bundesrepublik Deutschland", von der "zweiten Schuld" nach der ersten unter Hitler. Auf die Untaten folgte deren Leugnung.

Die Auseinandersetzung mit alten und neuen Nazis und mit Antisemitismus waren die Themen, die ihn bis zum Lebensende bewegten und die er immer wieder in die Öffentlichkeit trug. Er wurde zum schreib- und sprachgewaltigen Mahner in Deutschland.

An Ralph Giordano erinnere ich mich als eines liebenswerten Menschen. Nach einem Vortrag in Köln 1987 kam er auf mich zu und beschimpfte mich auf so unnachahmlich herzliche Art (ein Außenstehender hätte daraus auf einen Antisemiten geschlossen), dass daraus eine langjährige gute Bekanntschaft wurde.

Über die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit kam Ralf Giordano in den 90er Jahren zweimal nach Dresden. In einer der Reden, mit Qualitäten eines Einpersonenstückes, fragte er sich, ob er mit den Dresdnern und den Opfern der Bombardierung von 1945 trauern könne. Er, der Jude, für den jede Bombe auf Hamburg die Befreiung näher brachte. Ja, er könne trauern – denn die Humanitas, wie er sich ausdrückte, ist universell und gilt für alle.

Mich bewegte das Thema, weil mir meine Mutter erzählte, wie sie in London im 2. Weltkrieg durch deutsche Bomben ihre Wohnung verlor. Und wie sie die Zerstörung Dresden begrüßte in der Hoffnung, die Niederlage Nazi-Deutschlands würde dadurch beschleunigt.

Mittrauern mit den Dresdnern bei den alljährlichen Gedenkveranstaltungen? Das Dresden-Thema zeigt den anderen Giordano: Aus dem persönlichen Schicksal heraus engagierte er sich für Menschenrechte überhaupt. Bis zu seinem Lebensende.

Herbert Lappe, 11.12.2014

Es ist Krieg. Und jeder begehrt, nicht schuld daran zu sein. Jede Waffenruhe hält nur ein paar Stunden. Die Beteiligten beschuldigen sich immer wechselseitig. Wir sind im 21. Jahrhundert.

Im 20. noch glaubten wir, es könne vorbei sein mit den Kriegen. Der Krieg, sagten wir, als Mittel der Politik habe er eigentlich aufgehört - nur ein paar Verrückte sähen das noch anders.

Der Verrückten sind Viele geworden. Kein Erdteil ist vor ihnen sicher. Der Krieg breitet sich aus wie ein Fieber, noch bevor er ausbricht ist er gegenwärtig: In der Sprache der Zeitungen, der Medienmoderatoren wie auch der des Internets. Alle plappern, als möchten sie schon dabei sein, oder als ob sie alles wüssten. Meistens wissen sie nichts, nicht weil sie dumm wären, sondern weil sie borniert sind. Sie haben keine Zeit zum Nachdenken, sie müssen up to date sein. Und eloquent. Und so sind die Guten gut und die Bösen böse. Die Rollen sind von vornherein festgelegt. Die Russen, zum Beispiel, tragen schon wieder ein Messer zwischen den Zähnen. Solche Bilder entstanden schon vor Neunzehnhundert und Vierzehn. Schon vor hundert Jahren. Damals war auch Krieg: die Serben waren damals an Allem schuld. Danach waren es die Deutschen, so wurde in Versailles erklärt. Heute vermeint man, damals, da seien alle Schlafwandler gewesen. Die an den Hebeln saßen. Mir geht es hier nicht um das gleichnamige Buch von Clark, mir geht es darum, dass es so aussieht, als seien wir gerade mal hundert Jahre danach wieder von diese Schlafkrankheit befallen. Der Schlaf der Vernunft gebärt Ungeheuer, skizzierte Goya. Dem ist noch immer nichts hinzu zu fügen. Die Politiker Europas gehen herum, als seien sie irgendwie im Rausch. Habt ihr etwa genug vom Frieden, möchte man fragen. Natürlich ist das ungerecht, keiner will wirklich Krieg. Aber wer will Frieden? Das scheint mir die Frage zu sein. Die Minen mindestens einen Jahrhunderts liegen nämlich nur so herum, nicht nur, wie buchstäblich, in Afrika. Sie zu zünden ist jederzeit möglich, ob im Nahen Osten, auf dem Balkan, an der Schwarzmeerküste, im Kaukasus. Den Hindukusch nicht zu vergessen und die Sahelzone und so weiter. Und Interessenten dafür gibt es und gute Gründe sowieso. Die Welt ist ungerecht. Ja, das ist sie. Nur, sie wird nicht gerechter durch Krieg. Das wenigstens glaubten wir am Ende des letzten Jahrhunderts verstanden zu haben. Mitnichten, es war ein Irrtum. Heute ist Krieg und morgen wird Krieg sein. Auch übermorgen. Wahrscheinlich ist er unausweichlich wahrscheinlich. Wir werden wieder die Bilder sehen. Flügelbomben werden einschlagen, Sie werden präzise treffen und an den Bildschirmen wird es aussehen wie vor einer X-Box. Ein wenig später vernehmen wir von der asymmetrischen Antwort; ein rigides Massaker oder so ähnlich. Das ist der ganze Fortschritt seit hundert Jahren. Berta von Suttner konnte damals nur rufen: Die Waffen nieder. Im Grunde können wir auch nicht mehr. Aber wir sollten  wenigstens das tun.

Die Rückkehr der Barrikade

Irgendwo äußerte der alte Friedrich Engels wohl ein wenig sehnsüchtig. Es sei wohl nun zu Ende mit der Zeit der Barrikaden. Sie seien einfach mit einem Kanonenschuss zu zerstören. Nun aber sei die Zeit des Wahlzettels angebrochen.

Weit mehr als hundert Jahre später ist die Barrikade zurück gekehrt. Tahir, Maidan, Taksim – es wird weitere Namen geben. Noch immer könnte es genügen, einen Kanonenschuss abzugeben, aber wer würde das wagen? Der Schrecken erscheint kalkulierbar. Hautnah erleben wir am TV die Revolutionen. Wir sind vielleicht schon Voyeure. Und wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass alles gut geht, dass das Gute siegt, das Gute und nur das Gute auf den Plätzen der Barrikade steht. Das Gute ist wie Camping plus Fernsehreporter.

(Was tun wir aber, kommen die Panzer doch...)

Revolutionen sind, so meinte jedenfalls der gleiche Engels auch, eine höchst autoritäre Sache. Auch von der Barrikade aus wird manchmal, ja meist geschossen. Meist, ja immer, mit schlechteren Waffen. Aber manchmal mit besseren, weil anderen. Wir können die Graffiti hernach bewundern, wir können sie sogar zu Kunst erklären. Aber im Moment der Besetzung, der Revolte sind sie Waffen. Sie machen Lust auf Kampf, sie nehmen die ernste Sache selbst als Spiel, sie drehen den Göttern und Präsidenten die Nase.

Oder sind das alles nur neuartige Inszenierungen? Manche meinen das: nein, mit Revolutionen habe das nichts zu tun, allenfalls mit Konterrevolution, es seien eher Inszenierungen a la Hollywood oder gar a la Neunzehnhundertdreiunddreißig in Deutschland. Und natürlich laufen heute die Geheimdienste herum wie einst die Clochards. Keinem sei da zu trauen, heißt es. Ja richtig: keinem – aber vielleicht doch allen. Denn eines eint diese: sie sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Eine Notbremse ziehen, meinte Benjamin dazu.

Irgendwer sagte einst: er hasse die Revolution wie die Sünde. Tatsächlich ist sie Sünde: immer. Welche Regeln auch herrschen, die Revolution spielt nicht nach den Regeln. Sie sagt: Es sind eure Regeln. Sie sind es deshalb, weil ihr sie beherrscht und mittels ihnen herrscht. Die Barrikade aber ist wie das Pflücken des Apfels. Vielleicht bekommt uns diese Frucht wirklich nicht, vielleicht wird auch alles nur schlechter, aber wenn wir sie nicht essen werden wir es nie wissen...

Es ist die Stunde der Subversion. Tahir, Maidan, Taksim, es wird noch andere Plätze geben. Und Betrogene wird es geben und Gewinnler. Vielleicht können sich Revolutionen auch verlaufen oder auch nie zu sich kommen. Man sie niederschlagen, kann Plätze mit Panzern räumen, ja, vielleicht kann man sie sogar kaufen. All das besagt aber nur, das sie nötig sind in der Not. Und: dass die Herrschenden ihre Gründe haben, sie zu fürchten, und dass es eigentümlicherweise oftmals gleich ist, ob es sich um einen gewählten Präsidenten handelt oder einen selbsternannten Despoten.

( Was tun wir aber, kommen die Panzer doch: Sie verachten)

Lothar Bisky

Es ist keine zwei Jahre her, dass ich ihm hier zu seinem Siebzigsten gratulierte. Ich habe dem auch heute wenig hinzu zu fügen. Die vielen Nachrufe in den Zeitungen haben einen gemeinsamen Nenner: Er war eine integre und außerordentlich seltene Persönlichkeit in der deutschen politischen Geschichte. Es erstaunt freilich, dass dies heute alle zu wissen scheinen, es hätte ihm wohl gut getan, solchen Respekt selbst zu erfahren. Denn Lothar Bisky war ein ebenso behutsamer wie empfindsamer Mensch. Er hatte seine Herkunft aus der Kate, wie er es nannte, nie vergessen und es ging ihm vor allem um Gerechtigkeit. Ungerechtes mochte er nicht ertragen und was er auch in seiner Partei einforderte, die Kultur, verkörperte er selbst. Er konnte Mittler sein und Vermittler. Ich habe eine Zeit mit ihm im Vorstand arbeiten dürfen und ich bin dafür dankbar. Er war mir wichtig und ich glaube, dass es vielen so geht. Er fehlt, aber es wäre gut, könnte sich die LINKE um ihn sammeln, um sein gelebtes Vermächtnis als Demokrat und Sozialist. Die LINKE hätte es ohne ihn nicht gegeben. Es wäre schön, sie wüsste das, schon um ihrer Zukunft willen.

NACHT UND NEBEL

Natürlich war alles anders, damals.

Aber warum drängt es sich in mir auf?

Das Lied:

UND SIE WURDEN IN SCHAREN GEWALTSAM ENTFÜHRT

Wohin soll ich bleiben?

Wen soll ich anbetteln.

Wem soll ich die Zähne fletschen?

Und wer bin ich? Bin ich noch

ein Mensch, wenn es mir nicht egal ist

was geschieht und wann und

ich das Unvergleichbare vergleiche...

NACHT UND NEBEL

und nur das Schwingen einer Chartermaschine

von irgendeinem Typ nach Südosten

jenseits der europäischen Mauer...

UND DER BLICK GEHT IN FERNE

Und ich möchte nicht sehen, was ich sehe

Und ich möchte nicht hören, was ich höre

Und ich möchte nicht sprechen, was ich spreche...

19.01.13

(Zur Massenabschiebung von Roma aus Sachsen: http://namf.blogsport.de/)

Die Zukunft, mein Freund, kommt immer anders. Und doch machen wir sie. Soviel vorweg. Aber kommen wir zu meinem letzten Blog und deinen Einwänden. „Was mich an dem Text stört ist, schreibst du, ist, dass er bei  mir das Gefühl auslöst, als würdest Du von oben herab der ganzen Menschheit Geschichte erklären willst. Als ob Du mit Sicherheit sagen könntest, wie sie verlaufen ist. Und die Sicherheit kommt dadurch, dass Du sie entproblematisierst. Also nur die ganz großen Linien aufzeigst.“

Vielleicht hast du Recht und ich habe vereinfacht, was nicht einfach ist. Aber nicht darum geht es mir. Es geht mir eigentlich, um mit Hegel zu fragen, darum, ob denn Vernunft ist in der Geschichtei.

Wir beide sind gewissermaßen gebrannte Kinder, denn wir glaubten einstmals, dass diese Vernunft mit dem Marxismus ein für alle mal richtig erkannt worden sei und es nun darauf ankäme, entsprechend zu handeln.ii

Freilich: Das Interpretieren der Welt bleibt bei Marx eine unumgängliche Aufgabe. Aber es reicht nicht: Wenn man das will, worum es den Philosophen seiner Zeit ging, dann muss man über dieses Interpretieren hinausgehen. Marx hatte es mit Philosophen zu tun, denen es vor allem um Freiheit und Selbstbestimmung für alle ging. Ihm ging es darum, weiter zu gehen: Die Verhältnisse auf die ihnen innewohnenden Möglichkeiten einer Befreiung hin zu begreifen. Die Verhältnisse „zum Tanzen zu bringen", nannte er das.

Ich sage Marxismus, weil es mir hier nicht allein oder zuerst um Marx geht. Marxismus war ja mehr, war eine Ideologie und sollte allmächtig sein, weil wahr. Solcherlei Wahrheiten koppeln die Interpretation aus. Was bleibt, ist eine Handlungsanweisung. Die Geschichte war so gesehen für uns nur eine Abfolge von Gesellschaftsformationen - und der Kapitalismus schien durch Sozialismus überwunden zu werden. Und zeitweise war dies ja nicht einfach abzuweisen. Das Jahr 89 spätestens hat uns eines Anderen belehrt. Ein wenig früher wussten wir beide das schon, aber das nur am Rande.

Aber was heißt das nun? Heißt das, das etwa keine Vernunft in der Geschichte sei? Ist alles nur Zufall, oder gar, wie du im weiteren schreibst, eher ein Lauf zurück? Oder ein Kreislauf, wie ein anderer Kritiker einwandte. „Im Übrigen bin ich überhaupt nicht sicher, ob die kommenden Änderungen auch für uns bedeutsam sein werden - abgesehen von China und Indien. Vielleicht läuft jetzt die Geschichte eher rückwärts? Ägypten wird ein Religionsstaat, UNSERE Menschenrechte werden in den nicht-weißen Ländern abgeschafft, sofern es je welche gab ... „

Aber was heißt das? Vielleicht doch nur, dass es sich mit der Vernunft ein wenig komplizierter verhält, als wir es uns vorstellten. Um es wieder mit Hegel zu sagen: für den Weltgeist sind tausend Jahre wie ein Lidschlag. Wir haben, wenn man hoch rechnet vielleicht vierhundert Jahre Kapitalismus, also nicht einmal einen halben Lidschlag. Vielleicht war an dem, was wir Marxismus nannten besonders eines falsch: die Perspektive. Es schien, als sei der Kapitalismus bereits vorbei und der Sozialismus sei Tagesaufgabe. So wie Lenin sagte: das letzte Stadium. Damit verschoben sich freilich alle Perspektiven. Alles wurde nun unter dem einen Gesichtspunkt gesehen, dem, der Überwindung des faulenden, parasitären …. , wir machten doch darüber auch unsere Witze...

Aber wenn die unendliche und wohl auch apokalyptische Perspektive einmal weggedacht wird, wenn wir in die menschengemäße Nähe kommen, dann zeigt sich ja doch, dass sich die Welt wandelt. Vernunft gibt es nicht erst bei Hegel. Der ganze Prozess der Aufklärung ist ein Bemühen um Vernunft. Die Menschenrechte sind ein Produkt der Aufklärung und deren Kern ist, dass wir uns uns als Menschen gleich stellen. Das ist klar politisch und damit eine Handlungsaufgabe. Und, so wollte ich in meinem Blog sagen, in dieser Hinsicht ist die Welt zu mehr Vernunft gekommen. Wenn nach 89 mehr als bestritten wird, dass Vernunft in der Geschichte sei oder die Vernunft auf eine bloße Rationalität (des Kapitalismus) nach dem Motto, was ist, ist vernünftig, reduziert wird, so können wir sehr augenscheinlich den Gegenbeweis sehen. Die Frage nach der Vernunft in der Geschichte ist eben eine geschichtsphilosophische Frage und deshalb eine politische. Und unter diesem Blickwinkel gesehen sind die Menschenrechte das Vermächtnis der „Weißen“ und der Marxsche Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenen, ein verächtliches Wesen ist“ iii, ist eine ganz praktische Handlungsaufforderung.

Immerhin leben heute über sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten. Und wenn diese sich und allen den gleichen Anspruch zubilligen, dann ist das mehr als eine Herausforderung. Diese Menschenrechte lassen sich nicht einfach zurück zu nehmen, wenngleich es versucht wird. Natürlich. Es gibt Interessen, es gibt Klassen, Kasten, Herrschaftssysteme. Es gibt die Unterdrückung der Frau. Aber mir scheint, dass es Vernunft in der Geschichte gibt, bei aller Unvernunft, jedem Krebsgang. Ich nenne das Entwicklung. Ja, innerhalb des Kapitalismus. Die Bedingungen, die ihn irgendwann überwinden werden oder nicht, diese sind noch längst nicht gereift. Aber das jede und jeder mit den gleichen Rechten geboren sind, das ist keine ferne Erkenntnis einiger Privilegierter mehr, sondern eine geschichtsmächtige Sache.

Vernunft in der Geschichte: wir hatten uns vielleicht einmal vorgestellt, sie könnte in Gesetzen formuliert werden wie die der Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft aber heute weiß, dass sie durchaus sich widersprechende Gesetze entdecken kann, mit unterschiedlichen Bezugssystemen: Vielleicht ist das auch nicht anders mit den Gesetzen des Weltgeistes: Was also, mein Freund, geschieht während dessen Lidschlag? Immer nur das, was wir tun. Dies allerdings gilt es auch, zu interpretieren.

In diesem Sinne, auf das Neue Jahr.

ihttp://www.germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=381&language=german

iiKarl Marx. Thesen über Feuerbach: Elfte These: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern."

iiiMEW 1.385

So titelte Newsweek nach dem neuerlichen Wahlsieg Obamas. Und möglicherweise bringt das mehr die Wirklichkeit auf den Punkt als der unmittelbare Anlass vermuten lässt. Schauen wir zurück, dann können wir schon feststellen, das die Geschichte bis vor kurzer Zeit einige Jahrhunderte lang von Weißen gemacht wurde. Die Geschichte der Moderne war weiß. Ob man mit Kolumbus beginnt oder mit dem Edikt eines chinesischen Kaisers, die größte Flotte der Erde abzutakeln. Und auch die jüngere Geschichte, die Geschichte der Revolutionen, der zwei Weltkriege und die des kalten Kriegs war im Grunde eine Sache des Nordens, der Europäer, der Nordamerikaner. Mit dem Fall der Mauer schien der Ausgang der Geschichte entschieden...

Aber in den gut zwanzig Jahren seitdem sind alle diejenigen auf den Plan getreten, deren Wirken bis dahin nicht viel mehr als eine Fußnote der Weltgeschichte gegolten hatten. Die, die noch am Anfang des vergangen Jahrhunderts als Anhängsel der großen Mächte, als Kolonien, Halbkolonien, Bananenrepubliken kaum die Geschichte bestimmten, traten auf den Bühne. Anfangs und noch auf den ersten Blick betrachtet als Paladine der weltgeschichtlichen Akteure, aber zunehmend mit eigenem Gewicht. Franz Fanon nannte sie damals die Verdammten der Erde. Noch traten sie in den Gewändern und Rollen auf, die sie sich aus den Dramen der Großen abgeschaut hatten. Zumeist in den kleineren Rollen. Aber nur eine kleine Weile schien es so als würden sie nur ein Anhängsel sein der sich belauernden, bekämpfenden, miteinander ringenden, koexistierenden und zugleich das letzte Gefecht austragenden Giganten. Aber eben in dem Moment, da diese ihren Kampf entschieden hatten, war es plötzlich nicht so, wie die meisten gemeint hatten, dass es kommen würde...

Nein, das amerikanische Jahrtausend hatte nicht begonnen, kein Kaiser Augustus hatte den nächsten Jahrhunderten den großen Frieden verkünden können. Mühsam setzte die verbliebene Weltmacht ihre Maschinerie in Gang. Aber diese war war plötzlich entwertet und kaum bezahlbar geworden, schwerfällig, trotz der modernsten Chips, trotz der großen Intelligenz ihrer Ingenieure. Freilich sie überrannten das Zweistromland gleich zweimal aber mit jedem Sieg stiegen die Kosten. So kamen die anderen zum Zuge, langsam und bedächtig der gewaltige Drache, andere auf ihre Weise. Jetzt begannen sie sich es zurück zu holen, was ihnen einst verloren war. Schritt für Schritt und mit Rückschlägen freilich, aber unaufhaltsam wie eine Wetterfront. Lange genug war Geschichte aufgehalten worden, aber nun brach sie mit Macht die Verkrustung, den Stillstand...

Freilich war es anders, als je gedacht worden war. Sie gingen nicht mit ihren Messern durch die Schlafzimmer. Denn sie hatten gelernt aus den Fortschritten und Jahrhundertschritten. die unbestreitbar im Norden gegangen worden waren. Sie hatten sie studiert und kopiert. Und sie hatten sich dabei freilich erinnert ihrer eigene Geschichte voll vergangener Größe. Sie wussten, was ihnen weggenommen worden war und zugemutet. Fußnoten waren sie geworden, Sklaven gewesen. Verträge hatten ihre Könige einst mit den Weißen geschlossen und diese waren nicht von ihnen gebrochen worden, sondern von denen, die für alle Zeiten gedachten die Erde zu besitzen. Ihre Waffen waren modern gewesen und ihre Massaker schrecklich. Nun aber waren sie am Zuge, sie hatten aufgeholt und sie würden gründlich ihre Vorteile nutzen, auch die Vorteile ihrer Armut. Sie würden nicht mit ihren Armeen kommen und sich verkämpfen, sondern mit ihren Waren, ihren Produkten. Einige jedenfalls würden es so machen, andere würden ihrer Armut anders entfliehen. Sie würden über die Grenzen gelangen, wie oft sie auch abgewiesen würden. Und die Welt würde sich mischen. Nein, nicht ohne Verluste könne das geschehen, nicht ohne Rückschläge und Rückfälle in die alten Muster. Nicht ohne Verirrungen und Verwirrungen. Revolutionen würden ihre Schicksale haben und erstaunliche unvorhersehbare Wendungen würden eintreten. Aber empor würden sie kommen mit ihrem Anspruch auf das Glück eines jeden und jeder...

Aber jetzt erst würden die großen Ideen des Westens auf den Prüfstand gelangen: Dass alle gleich an Rechten geboren seien, ganz gleich welcher Farbe der Haut, welchen Geschlechtes und vor welchem Gott oder auch nur vor einander. Und das niemand über andere gesetzt sei und so jeder frei sein müsste dass alle frei sein könnten. Das wäre die Gegenleistung für das vergangene halbe Jahrtausend. Die Freiheit, die sich so einfach dahin sagt und schwer zu machen ist...

Das war am Anfang des ersten Jahrhunderts des dritten Jahrtausends nach der alten römischen Rechnung. Von nun an also begann ein anderes Kapitel. Darum ging es jetzt. Es hatte nicht, und jedenfalls nie so in den Lehrbüchern gestanden, die die Epoche beschreiben wollten. Es war auch nicht in den alten Machtzentralen ausgegeben worden, ganz gleich in welchen Mündern diese Worte entstanden waren, sie gehörten nun allen. Es hatte einfach begonnen und es lag nunmehr auch an allen, wie es weitergehen würde und wohin.

„Wenn man nicht nach Bequemlichkeit strebt, aus dem Bestehenden nicht das Beste heraus holen, nicht die beste Position einnehmen will, WARUM sollte man da kämpfen?“ fragte

einst ein Bertolt Brecht.

Vor fünf Jahren haben wir die IDS, also eine Initiative für Demokratischen Sozialismus gegründet und ich möchte nur kurz zurück blenden: Damals war die Partei in Dresden, aber auch darüber hinaus in eine Krise gekommen. Nach vielen erfolgreichen Jahren waren scheinbar jäh und unvorhergesehen Widersprüche aufgebrochen, die sich dann an einer bestimmten politischen Frage entzündeten. Es war nun nicht so, dass es auch nicht vorher unterschiedliche Auffassungen in der der oder der Frage gegeben hätte. Neu war aber, dass zunehmend eine Härte in die Auseinandersetzung gekommen war, die eine Gemeinsamkeit unmöglich zu machen drohte. Eine Unkultur war entstanden, wie sie uns aus der Geschichte durchaus bekannt war. Denn die Geschichte der Sozialisten ist auch eine Geschichte  mit einer unrühmlichen Seite, eine Geschichte von Denunziationen, Machtkämpfen und auch Terror.

Wir hatten lange in den Jahren nach 1989 geglaubt, diese Seite sei ein für allemal verschwunden, jener von uns so genante Demokratische Sozialismus sei  gewissermaßen immun gegen die alte Krankheit. Aber nun war sie wieder da und unsere Gründung sollte eigentlich nichts anderes bedeuten, als eine Rückbesinnung auf das Eigentliche, auf  den Impuls des Jahres 89. Hin zum Grund dafür, dass wir damals nicht einfach aufgehört hatten. Und vor allem zum Grund, warum es denn überhaupt gelungen war, eine Partei wie die PDS trotz aller Gegnerschaft und scheinbar wider dem gesunden Menschenverstand zu verankern. Jedenfalls im Osten. Es muss wohl eine Notwendigkeit bestehen – aber worin besteht denn diese Notwendigkeit? Früher hätten wir gesagt: in einem Gesetz der Geschichte. Aber diese Gesetzmäßigkeit gibt es wohl nicht, wenngleich die Spaltung in der Gesellschaft immer wieder zeigt, dass es ein unten und ein oben gibt. Aber das allein ist es wohl nicht

Das Beste herausholen. Auch nach einer Niederlage, die man durchaus eine welthistorische nennen kann: eine Niederlage des Weges, den man proletarische Diktatur nannte – und der wohl als Stalinismus in die Geschichte eingegangen ist und Geschichte ist. Nun also Demokratischer Sozialismus. Für uns aus der SED Kommenden eigentlich ein fragwürdiger Begriff, verbunden  mit wirklichen und vermeintlichen Renegaten, mit Bernstein, Sozialdemokratie, Godesberger Programm. Später ein bisschen mit dem  Luxemburgzitat gewürzt von der Freiheit der Andersdenkenden. Theoretisch ein Mischmasch – aber es ging ja nicht um Theorie sondern um einen Namen für einen Inhalt, der selbst nicht so klar war, wie später oft behauptet wurde. Und die Frage ist, ob er der Partei je klar geworden ist – auch wenn er nun wieder im Programm der Linken steht aus der er eine Zeit lang schon gestrichen schien.

Eine Initiative für einen Demokratischen Sozialismus benennt schon mit der Namensgebung das Problem. Eine Initiative für etwas anzustoßen heißt immer, dass es – zumindest in den Augen der Akteure – fehlt. Aber was war damit gemeint? Wir haben damals versucht, es zu formulieren. In der Gründungserklärung haben wir uns auf einer politischen Plattform versammelt: Ich zitiere ein wenig,

„1. Mit der  Initiative demokratischer Sozialismus wollen wir Politik auf der Basis von Demokratisierung, Pluralismus und Partizipation gestalten. Dabei geht es uns nicht um eine Politik die platt Nein sagt, sondern um konstruktive Politik, die  einen Gestaltungsanspruch auf der Basis des pluralistischen Verständnisses der Gesellschaft erhebt. Die Initiative Demokratischer Sozialismus erhebt den Anspruch auf demokratische Partizipation am Willensbildungsprozess. Dabei setzen wir die Kritik des historisch gewordenen Sozialismus fort. Unser Ziel ist die Weiterführung  des demokratisch sozialistischen Denkens. Die anstehende Programmdiskussion wollen wir aktiv mitgestalten.

2. Die Initiative demokratischer Sozialismus setzt sich für die Wiederherstellung und Entwicklung der inneren Kultur der Partei ein. Das derzeitige Bild der Partei in Dresden ist geprägt von   Schuldzuweisungen, einer dramatisierenden Darstellung von Nichtigkeiten und Meinungsverschiedenheiten. Es erfolgt eine systematische  Verdrängung von Andersdenkenden. Daraus resultiert die Abnahme von Gestaltungskraft und Handlungsfähigkeit aus der politischen Verantwortung und der Partei selbst. Die Partei fällt in letzter Zeit mehr und mehr in alte, überwunden geglaubte politische Muster und Praktiken zurück, die weder für die Mehrheit der Bevölkerung, weder für die, deren Interessen wir vertreten wollen, noch für linke Demokraten annehmbar sind.

3.  Die Initiative demokratischer Sozialismus will die sachliche, politische Arbeit voranbringen, indem wir Veranstaltungen und Diskussionen organisieren und durchführen. Die Lage der Menschen, insbesondere hier im Osten Deutschlands, in der veränderten Welt ist dafür der Ausgangspunkt. Insbesondere werden wir dafür kommunalpolitische Themen aufnehmen, aufbereiten und mit Fachleuten und Experten diskutieren. Es geht uns sowohl um Programm als um die politische Praxis der Linken. Es geht um den Zusammenhang dieser.

Mit Abstand betrachtet klingt es doch ein wenig dünn, was da im Punkt 1 zum Sinn der Sache gesagt wird. Im Grunde – und vielleicht ist hier ein Problem herrscht hier immer noch eine Perspektive, die ohne die Geschichte der SED nicht verständlich sein kann. Der Bezug zum sog. Realen aber vergangenen Sozialismus – und die Versicherung, dass wir keine Nein-Sager seien, die Beschwörung des Pluralismus usw. Ist also der Demokratische Sozialismus eine Art Antithese zum Gewesenen ? Aber wenn er nichts weiter als das ist, verschwindet er dann nicht, je länger die Vergangenheit die Vergangenheit ist? Aber darauf will ich etwas später zurück kommen. Mit der Frage, wie es denn weitergehen soll und wie es überhaupt um den Sozialismus steht in der heutigen Zeit. Aber eben später.

Das Mittel schien uns – ich komme zurück zur Gründungserklärung - darin zu bestehen, eine Politische Kultur zu befördern und unsere Praxis darin, Diskussionen und Veranstaltungen zu befördern. Wenn wir ein wenig auf diese fünf Jahre sehen, dann haben wir eine Menge getan. Es ist eine ordentliche Liste unserer öffentlichen Aktivitäten zu lesen: Politikverständnis, Kommunalpolitik, Programmdiskussion, Sozial-ökologischer Umbau, Energiepolitik, Finanzkrise waren immer wiederkehrende Themen. Wir haben interessante Leute zu unseren Treffen eingeladen, wir hatten dabei keine Berührungsängste, wir haben zu vielen Dingen auch unterschiedliche Auffassungen und halten diese sogar miteinander aus. Jeder Rechenschaftsbericht könnte das mit Stolz verlesen: Erstaunlich, was wir alles gemacht haben.

Weniger erstaunlich, aber genauso wichtig ist freilich, wie wenig es uns dabei gelungen ist, in diese Partei hinein zu wirken. Die politische Kultur in der Partei haben wir wohl nicht verändert. Indem wir uns gegen die zunehmend um sich greifende Praxis stellten, wurden wir selbst gefährlich und wider der Wahrheit waren wir plötzlich in den Augen der Mehrheit die Woba-Verkäufer, die Verräter usw. Die neue Führung tat alles um uns los zu werden – es ist nicht gelungen. Allerdings ist es ihnen schon gelungen, viele von uns los zu werden. Manche davon sind wenigstens noch bei uns, die Meisten nicht. Natürlich ist das schade, aber es ist ja die freie Entscheidung eines jeden, wann er einen Punkt macht. Den  eigentlichen Schaden aber trägt die Partei davon. Ob sich unsere Genossen darüber im klaren sind oder nicht – und ob es Muskulus & Gen. je verstehen. Sei es drum.

Es ist immer richtig, eine Sache auch unter dem Aspekt einer möglichen Scheiterns zu betrachten. Für manche ist die Partei gescheitert, für manche ist auch unsere kleine Truppe hier gescheitert. Für manche ist der Sozialismus überhaupt gescheitert. Und an allem davon ist etwas Richtiges. Aber wie dem auch immer sei: wir haben über diese fünf Jahre auch noch etwas anderes bewiesen: dass es möglich ist, die Prinzipien, die wir gern in dieser Partei verbreitet hätten, erst einmal selbst zu leben. In dieser Beziehung sind wir nicht gescheitert. Und wir können uns auch nicht die Partei so modeln, dass sie unsere Prinzipien annimmt. Vielleicht ist das der letzte Befreiungsakt aus einem Missionsdenken. Das sei heiter gesagt: Wir können es der Partei nicht überhelfen – und das ist gut so. Man kann es auch euphorischer ausdrücken und Emanzipation nennen. Emanzipation von einer bestimmten Art zur Partei zu stehen, nämlich gläubig, so wie in einer Gemeinde. Kirchen, meine ich, sind ja manchmal ganz schön – aber Gottesdienste ? Eher nicht.

Aber wir sind – und darüber haben wir ja vor zwei Jahren ausführlich debattiert – wir sind als IDS eine Plattform in der Partei. Hier muss man nicht Mitglied der Partei sein, aber in der IDS, und das weiß jeder, wird es immer wieder auch um diese Partei gehen, um DIE LINKE, hinter der manche einen Punkt sehen mögen, manche nicht. Wir haben also zuletzt über den Parteitag in Göttingen diskutiert und wir haben unsere Meinung dazu kundgetan:

„Vor und mit Göttingen drohte ein Rückfall in die Tradition. Diese Gefahr ist mit dem Ergebnis des 
Parteitags mitnichten ausgeräumt, aber Göttingen markiert zugleich eine Möglichkeit für eine 
zukunftsfähige Entwicklung“ lautet der letzte Satz unserer Erklärung. Das kann man nun ein bisschen schlau nennen, aber wenn wir uns beim Wort selbst nehmen, dann kommen einige Fragen. Die Linke verweist nämlich gewissermaßen auf Tradition und zugleich hat sie zu dieser ein gebrochenes Verhältnis. Der Demokratische Sozialismus – so, wie wir ihn uns vor fünf Jahren erklärt haben – war ja, ich habe es vorhin zitiert, eine Art Negation und zugleich Aufhebung. Sozialismus Ja – aber anders – jedenfalls nicht so wie der, der gewesen war. In der Linken wirken zumindest zwei Grundströmungen und sie sind etwas in Ost-West – verteilt, je nach unterschiedlicher politischer Erfahrung. Was sie im Gegensatz gleichzeitig vereint, das ist der Bezug: Der Bezug auf eine gewesene Sache, auf ihre Praxis, auf theoretische Erwägungen usw. Wie auch immer.  Demokratischer Sozialismus wird also auch als Synonym für eine bestimmte Linie aus dem Osten verstanden, demokratischer Sozialismus damit aber eben auf eine Erfahrung reduziert, die der PDS. Und die Linke in der Linken setzt eben bei einer Westerfahrung an. Logischerweise also bei Gewerkschaftsarbeit, Apo,  Imperialismustheorie usw.

Aber alle diese Erfahrungen sind natürlich Erfahrungen des gestrigen Tages. Und die Antworten für den heutigen Tag kann man nicht einfach aus diesen ableiten. Erfahrungen können nämlich auch blind machen. Gewissermaßen die Orthodoxie bestärken

Wahrscheinlich wird das alles auch weiter so geben, denn ein jedes Ding ist immer auch seine Geschichte. Die Frage ist aber, ob die Geschichte dominiert, ob das Vergangene wie ein Alb auf den Lebenden lastet, wie Marx im 18. Brumaire schrieb. Wird die neue Generation, die mit Göttingen die Verantwortung voll übernommen hat, eine Generation, die sich nicht mehr zuerst als in Ost und West geteilt versteht, eine Generation, die nirgendwo mehr unter den Verhältnissen eines wie auch immer realen Sozialismus sozialisiert wurde, sondern unter der Ägide des Neoliberalen, wird diese Generation die Spannung von Tradition und Moderne produktiv machen? Sozialismus im 21. Jahrhundert – was heißt das? Können sie und wir überhaupt die heutige Welt ansehen ohne durch die Brille unserer früheren Muster zu blicken. Es ist Kapitalismus und alle gehen hin – möchte man sagen wollen. Aber nicht jede und jeder wird genommen. Einmal sich zurücklehnend können wir feststellen, dass in den letzten 20 Jahren die Welt ganz anders geworden ist als vordem. Was bedeutet das aber?? Was bedeutet die chinesische Herausforderung die indische Herausforderung, die brasilianische Herausforderung? Oder die islamische Herausforderung. Oder auch die ökologische Herausforderung. Oder die der Informationsgesellschaft? Was für einen Kapitalismus haben wir denn? Oder was für verschiedene Kapitalismen? Und wer regiert eigentlich? Die Politik? Oder regieren Finanzmärkte und ein paar Ölkonzerne schon die Politik?

Wenn wir in kaum zehn Jahren vielleicht bereits neun Milliarden Menschen auf der Erde sein werden – was heißt das denn dann für eine linke Überzeugung, die ja die Gleichheit als Priorität setzt, dass doch jede und jeder einen Glücksanspruch habe – ganz zu schweigen vom Anspruch auf Wasser, saubere Luft, Energie usw. usf. ?  Wenn in den noch immer gut situierten Ländern des Westens der Reichtum immer krasser verteilt wird, wenn immer weniger fast alles besitzen, wie kann dann Demokratie funktionieren wo doch schon die Werbekosten für eine beliebige Kampagne schwindelerregend sind.

Genau dann aber, wenn die Gesellschaft kompliziert, widersprüchlicher wird, kommen schnell die einfachen Antworten ins Spiel. Auf allen Seiten des politischen Spektrums ist das so. Differenziert zu denken zahlt sich nicht unbedingt aus. In den Wahlen werden Gewissheiten verkündet. Seit Schröder haben wir immer gehört, dass es nicht anders ginge als es geht. Frau Merkel macht allen, sogar anderen Völkern, für die sie überhaupt nicht zuständig ist klar, dass nur sie die richtigen Rezepte hat und wer sich nicht unterwirft wird geworfen. Die LINKE setzt – freilich auf der anderen Seite des Spektrums – diese Linie fort. Sie weiß alles genau entgegen gesetzt richtig. Je mehr wir uns den Wahlen nähern, um so gröber wird es...

Nicht leicht für Demokratischen Sozialismus, nicht leicht für Differenziertheit, nicht leicht für Fragen, nicht leicht für Kultur, für  politische Kultur. Nachzudenken hat keine Konjunktur. Aber wäre es nicht gerade das, was eine Linke auszeichnen könnte. Dass sie diese Eindimensionalität eben nicht mitmacht. Dann wäre die Arbeit einer IDS sinnvoll, nahezu lebensnotwendig. Dann wäre es die Arbeit an einem ÜBERMORGEN. Denn MORGEN wird sich nichts ändern – aber Übermorgen....vielleicht...gewiss?

Es ist nicht vorhersehbar, ob der Demokratische Sozialismus gebraucht wird. Als bloße Behauptung, als Attribut eines Machtkalküls ist er nicht sonderlich brauchbar. Damals, als wir unsere Initiative gründeten wurde ja auch das Forum eines solchen Namen gegründet. Warum wollten sie uns damals nicht dabei haben? Weil wir nicht in ihr Machtspiel passten, wir waren nicht opportun für sie. Das sei nicht vergessen. Es hat uns damals nicht gefallen, aber vielleicht davor bewahrt, nichts weiter zu sein als eine Gruppe im Machtkampf in der Partei.

Den Machtkampf von damals – und wir wurden ja hineingezogen, egal was wir eigentlich machten und dachten, den Machtkampf haben wir so nebenbei mit verloren. Danach haben wir natürlich nicht gestrebt. Im Gegenteil. Wir wollten schon auch gewinnen. Allerdings nicht um jeden Preis. Das war und ist nicht falsch. Es ist nicht falsch, gewinnen zu wollen. Warum sollte man sonst kämpfen? Das Beste herausholen, die beste Position einnehmen... Ich, für meinen Teil, gebe gern zu, dass ich gern mitregiert hätte, wären die Würfel 2004 anders gefallen. Schon, um zu sehen, ob bestimmte Konzepte auch in der Realität funktioniert hätten und nicht nur auf dem Papier

Aber was verspielt wurde seitdem, ist nun einmal verspielt. In Dresden und anderswo. Der gewaltige Vorschuss, den die Linke bekam, ist weitgehend aufgebraucht. Die Enttäuschten wenden sich nicht unbedingt von der Hoffnung ab, aber wohl von ihrem Träger. Das konnten wir nicht ändern. Was wir konnten haben wir gemacht. Unsere Vorschläge waren immer an alle adressiert. Es ist notwendig, dass linkes Denken einen Ort hat. Nicht mehr und nicht weniger.

Offener Brief an Georg Böhme-Korn, Fraktionschef der CDU im Dresdner Stadtrat

Sehr geehrter Herr Böhme-Korn,

Sie haben recht: Dresden ist von einem „Netz der Schande“ überzogen. Und dagegen sollte man etwas tun. Aber nicht, wie es viele Demokraten unserer Stadt wollen, nämlich die Erinnerung an die hier geschehenen oder von hier ausgegangenen Verbrechen wach zu halten - als immerwährende Mahnung wohin Rassenhass und übersteigerter Nationalismus führen. Also daran zu arbeiten, dass diese Schande der Vergangenheit angehört. Nein, der richtige Weg ist, die Erinnerungen an die schändlichen Verbrechen zu tilgen. An das Verbrechen an George Gommondai: Da genügte die einfache Rückbenennung des gleichnamigen Platzes. Für Sie bleiben aber noch zahlreiche weitere Aktivitäten im Stadtrat: Verhindern Sie, dass je eine Straße nach Marwa El-Sherbini oder Guernica benannt wird. Und setzen Sie sich dafür ein, dass die Synagoge wieder abgerissen wird. Sie dient nicht nur als Gotteshaus. Bei jeder Führung werden zahlreiche in- und ausländische Gäste auf die Zerstörung der alten Synagoge 1938 durch Dresdner hingewiesen. Zerstört auf dem gleichen geistigen Hintergrund, mit dem Guernica eingeäschert wurde. Und ebenfalls sollte auch die Gedenkstätte Münchener Platz endlich geschleift werden. Hingerichtete Antifaschisten? Auch eine Erinnerung an die Schande. Und dieser Logik nach auch gleich noch die Gedenkstätten Buchenwald und Auschwitz. Ich könnte Ihnen noch mehr Vorschläge unterbreiten. Aber das ist ja nicht nötig: Die geben Ihnen gern die Freunde von der NPD. Sie werden Ihnen mehr als mir vertrauen - haben Sie doch mit Ihnen gemeinsam im Dresdner Stadtrat grundsätzlich gegen die Erinnerung in Dresden an Guernica, aus den gleichen Motiven, gestimmt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Herbert Lappe

ehemaliges Mitglied des Vorstandes und der Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde Dresden

Jüdischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dresden e. V.

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Rede zur Verabschiedung aus der Fraktion DIE LINKE, gehalten

am 1. Juni.

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Ich bedanke mich für die guten Worte und diese kleine Feier und sage: es ist schön, euch zu sehen: ich hatte hier eine interessante Arbeit und ich war von Notwendigkeit dieser sowieso überzeugt. Das kommt ja nicht immer so zusammen. Seitdem ist einiges geschehen. Der riesengroße Erfolg der Linken, die Parlamente wie im Sturm zu nehmen und nun die herbe Realität und die Szenarien des möglichen Abstiegs. Vielleicht ist uns also mit diesem Aufstieg etwas verloren gegangen und wir haben es zu spät oder auch gar nicht oder nur ein wenig vermisst. Und der große Erfolg könnte deshalb mehr ein vermeintlicher werden. Deshalb möchte ich doch ein paar Worte sagen. Mit allem Respekt vor der Arbeit der letzten Jahre und doch nicht unbedingt Angenehmes.

Also: Das Problem besteht meist nicht darin, dass es an Kenntnissen und guten Leuten mangelte. Worin es meist besteht ist, die mangelnde Fähigkeit, dies zusammen zu führen. Also miteinander etwas zu produzieren. Das war z.B. der Kern meiner Arbeit. Ich habe diese Arbeit tun können, weil Peter Porsch davon überzeugt war, dass ich sie tun kann.

Was ich als heute Außenstehender sehe, ist, dass es schon lange nicht mehr zusammenläuft. Die Linke steht für mich auf der richtigen Seite, aber man muss aus meiner Perspektive sehr angestrengt hinschauen, um diese Seite noch zu sehen oder sich das wenigstens einzubilden. Sie scheint mir aber dann unfähig, daraus eine Praxis, also Politik zu machen. Strategien werden zwar gehandelt, aber selbst beim besten Willen sehe ich keine. Vor zehn Jahren schrieb Jörn Schütrumpf einen Beitrag: Strategen ohne Strategie. Derzeit fehlt beides. Die Texte, die ich dazu finde sind ratlos, nicht unintelligent, oft Krisenbeschwörungen.

Was eine Krise genannt wird, wird gern an Personalfragen deutlich gemacht. Aber was dahinter steht ist wenig bedacht, geschweige denn diskutiert. Es scheint so, als gäbe es zwei Linien, meist als Ost – West – Problem beschrieben. Realos Ost versus Fundis West. Die Realos würden auf Rot-grün-rot hinarbeiten und regieren wollen. Die anderen wären aus deren Sicht fundamentalistisch. Genau hingesehen stimmt das nicht. In NRW z.B. hat die Linke Rot-Grün toleriert und in Hessen wollte sie das gern tun. Beides erscheint mir also als bloße Zuschreibung anhand alter ausgedienter Strategien. Die Wahrnehmung geht an der Wirklichkeit vorbei, wird aber heftig als diese ausgegeben. In den Medien logischerweise dann auch. Wir bedienen dann selber diese Muster und verstärken sie.

Zum Beispiel: Man nennt die Ost-Leute, Abkömmlinge alter DDR-Eliten, was meist nicht stimmt. Und: die Wessis in der Partei seien die enttäuschten SPD-Abspringer. Das bezeichnet eigentlich nicht viel, außer, dass eine lange Zeit die politische Sozialisation jeweils anders verlief und wenn eine jede Sache, wie Engels meinte, ihre Geschichte ist, dann trifft das auch auf Linke zu. Im Osten haben wir die Mauer am Hals und im Westen die RAF. Na und? Sei es drum. Es geht längst nicht mehr um Gestern. Aber vielleicht wissen wir das nicht.

Was also ist die Linke? Im Programm steht, wofür sie eintritt. Ich habe dafür gestimmt und finde da viel vernünftig, richtig. Nicht alles, aber man kann ja nicht alles haben. Aber was sie ist, wird viel mehr davon bestimmt, was sie produziert. Sagen wir es mal so. Ein Konzern, der vor hat, Autos zu bauen, ist noch längst kein Autoproduzent. Ein Verein, der zwar einen Vereinszweck beschlossen hat, aber kaum eine entsprechende Praxis entwickelt, ist nur wenig über die Phase einer Gründung hinaus. Und das wäre erst einmal selbst zu verstehen. Vielleicht war die Linke vom Schwindel des Erfolgs befallen und hat deshalb soviel Zeit verloren. Wieso?

Es geht immer in der Produktion um die Organisation eines Prozesses, in den die Erfahrungen, Kenntnisse aller eingebracht werden. Und hier ist die Kultur das Entscheidende. Die Produktionskultur. Wenn ich mich heute frage, was ich wirklich Wichtiges gemacht habe in der Partei hier in Sachsen, dann das zuerst: wir haben zwei Parteikonferenzen gemacht, in dem wir nicht darüber zuerst redeten, was wir wünschen und wie gut wir sind, sondern wir haben unsere Arbeit selbst untersucht. Widersprüche unserer Politik, daben wir das sogar laut genannt. Nicht um zu meckern, sondern um uns zu verstehen. Wir haben Erfahrungen nebeneinander gestellt. Man nennt das eigentlich LERNEN.

ALEKSA war auch vor allem ein Lernen. Schade, dass ich damit dann aufhören musste. Das PLUS kam nie zustande. Ich habe dann verstanden: es gibt jetzt wichtigeres als lernen. Wir sind wieder wer! Man kann bequemer aufsteigen. Ja. Allerdings auch schnell und jäh ab. Der Hochmut ist doch immer ein schlechter Ratgeber. Und man sieht ihn den Akteuren sogar an. Von Außen jedenfalls. Vielleicht sieht man da auch Gespenster, aber diese wirken dann auf jeden Fall ungeheuer.

Jetzt wird um und über Personen gestritten. Personen sind sicher wichtig. Aber ob Personen dann wirklich etwas bewirken können, hängt von ihnen - aber genau so auch von dem Umfeld ab. In einer Atmosphäre der ungehemmten Denunziation hat niemand eine Chance. Und was ich im letzten halben Jahr gelesen habe bei facebook usw. das zeigte einen Zustand an, mit dem man eigentlich nichts zu tun haben möchte.

Lafontaine wusste, warum er die ganze Macht wollte und zwar zu 99 Prozent. Er gedachte, es mit der Macht zu machen. Wie bei der SPD damals. Er hatte Recht, wenn man sich die Linke ansieht. Aber: 99 Prozent wollten sich nun einmal nicht ergeben. Er hatte also auch nicht Recht. Und da kann man anknüpfen. Die Chance der Partei ist abstrakt betrachtet wahrhaftig noch da. Aber dazu, um sie zu nutzen, müssen alle etwas lernen. Und lernen wollen.

Zuerst stünde aber vor dem Lernen, sich gegenseitig zu respektieren. Respekt heißt nicht, die eigenen Auffassungen aufgeben. Respekt heißt einfach, dem anderen dasselbe zu zu billigen, was man für sich selber haben möchte.Respekt heißt auch, eine Sache aus der Ansicht des Gegenüber  zu verstehen. Irgendwie kann man auch das lernen. Wir waren doch schon einmal dabei...

Und jetzt rede ich nicht über das fern scheinende Berlin, sondern über uns hier. Ich muss nicht Recht haben aber sagen muss ich es:

Als ich vor zweieinhalb Jahren hier weg ging, war der gegenseitige Respekt in einem großen Ausmaß verloren gegangen. Das Ergebnis: es wurde wurde aussortiert. Für mich war es der neuerliche Sündenfall, denn wir hatten es fertig gebracht über 15 Jahre mit uns selbst anders umzugehen. Ich habe aus Loyalität geschwiegen und mich aus der Politik zurück gezogen. Ich weiß, dass manche nicht unglücklich darüber waren, dass ich fort war. Ich wurde ja auch kaum eingeladen. Auch von der Partei nicht, der ich ja 20 Jahre im Sinn des Wortes gedient habe. Die Ausnahme war der Betriebsrat. Ich danke dafür. Vielleicht bin ich deshalb noch dabei.

Der Erfolg einer Organisation hängt nicht zuerst davon ab, was sie Bedeutendes ins Programm schreibt. Der Erfolg hängt vielmehr davon ab, wie man miteinander umgeht, welches Klima da ist. In welchem Klima gedeiht Kreativität – in welchem nicht? Das entscheidet auch darüber, ob sie ihre Talente begreift und die jeweils Richtigen an die richtigen Plätze stellt. Oder ob die Köpfe kleiner gestaucht werden weil sie als Konkurrenten gesehen werden.

Ich hätte gern Sascha als meinen Nachfolger hier gesehen – es hat nicht sein sollen. Schade, auch weil er ein Kopf war. Die Köpfe wachsen nämlich leider nur bei den Drachen von selber nach...

Ich komme zum Schluss. Zwischen Peter und mir war immer etwas klar: Er nur kann und darf entscheiden, was am Ende gemacht wird. Dazu ist er gewählt. Er muss es vor der Partei vertreten und in der Fraktion durchbekommen und dann auch noch bei den Wählern dafür kämpfen. Ich hingegen konnte völlig frei denken, ich hatte keine Schere im Kopf zu haben. Im Gegenteil. Das war kein Luxus, sondern meine Aufgabe. Und natürlich war unsere Loyalität gegenseitig. Irgendwann wurde es dann eine Freundschaft, keine politische Freundschaft, sondern eine Richtige. Nein, es war nicht problemlos, dann wäre es ja langweilig gewesen. Wir hatten auch Differenzen – aber vor allem einen gemeinsamen Gegner. Und der war schon stark. Kein Vergleich mit der heutigen Regierung.

Eine Summe: Was wollte ich sagen, mir jetzt hier herausnehmen? Ihr müsst das schon selber finden. Aber warum? Vor drei Tagen bekam ich von einem meiner besten Freunde eine Mail:

Zitat: Das eigentliche Problem der Linken ist, dass sie keine klare Aufgabe in der Gesellschaft hat. Damit sage ich nicht, dass nichts zu tun ist. Aber sie hat keine Visionen, die ein Alleinstellungsmerkmal sind und zugleich eine sich damit halbwegs deckende zahlenmäßig wesentliche Klientel. Und das ist wiederum eine Frage, ob sie tatsächlich gebraucht wird. Und der Streit um die neue Führung kann deshalb so prächtig gedeihen, weil eben das Ziel nicht klar ist - und man deshalb auch nicht über den Weg dahin streitet.
Deshalb streitet sie sich mit sich selbst.

Ich möchte nicht, dass er Recht behält

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Um Lyrik geht es sicher nicht. Diese war auch nie die größte Stärke von Günter Grass. Es geht eigentlich um einen sehr einfachen Vorschlag, etwas zu tun, bevor wir in einen neuen Krieg hineinrasseln: Die unbewiesene Atombombe des Iran und die nicht dementierte Atombombe Israels erst einmal zu erkunden und hernach beide abzuschaffen. Ein sehr vernünftiger Vorschlag, finde ich. Ob er realisierbar ist, mag man unterschiedlich bewerten. Was aber dieser Vorschlag mit Antisemitismus zu tun haben soll ist mir wirklich nicht einsichtig. Es sei denn, man verfährt nach dem Motto, jede Kritik an der Politik Israels als antisemitisch zu denunzieren. Und wenn der israelische Regierungschef auch sofort wieder zu dieser Methode greift, in dem er sofort an Grass kurze Mitgliedschaft in der sogenannten Waffen-SS erinnert, dann zeigt dies genug. Günter Grass weiß noch etwas von der Pflicht der Dichter, über die Dinge zu sprechen, einer Pflicht, der sich die meisten Intellektuellen deutschsprachiger Zunge seit langem entziehen. Einmal abgesehen von Peter Handke, der aber ja damit auch eine Unperson geworden ist der vereinigten Republik. Sollte es Günter Grass nun genauso ergehen, glaube ich, dass ihn das wahrscheinlich nicht besonders beeindrucken wird. Denn auch das hat eine Tradition in Deutschland an die in diesem ganzen Feldgeschrei dringend erinnert werden sollte.

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Beate Klarsfeld also. Ich erinnere mich schon noch an ihre berühmte Ohrfeige. Es war ein Skandal.

Er machte aufmerksam. Aufmerksam darauf, dass das Vergangene nicht vergangenen war. Es war nur zugedeckt worden. Ja, die alte Bundesrepublik hatte sich arrangiert. Und auch wir im Osten waren unschuldig wie die Lämmer. Beinahe hätten wir auch geglaubt, wir seien die Sieger gewesen.

Brecht, in seinen Buckower Elegien fragte sich: und was war der Briefträger? Einer der wenigen Fragenden. Geschwiegen wurde verschieden, verschwiegen wurde verschieden, darüber gesprochen wurde aber wenig. Nur nach und nach, mit den Frankfurter Prozessen zum Beispiel, änderte sich das, aber noch immer war wenig die Rede von Verantwortung für das Geschehene. Geschweige denn von Konsequenzen. Die Ohrfeige traf einen Bundeskanzler, aber sie bewegte mehr. Sie wirkte wie ein Attentat auf das verstummte Gewissen. Bundeskanzler wäre mit dieser Vergangenheit nunmehr keiner mehr geworden. Willy Brandt hatte eine andere Vita – und es war nun wohl auch nicht mehr möglich, diesem Mann, der im Widerstand gestanden hatte, weiter seine uneheliche Geburt entgegen zu schleudern: Brandt, alias Frahm. Gemeint war: Brandt, der Verräter. Eine Denunziation, vor der auch im Osten nicht immer zurück geschreckt wurde.

Beate Klarsfeld hat einen schwierigen Kampf geführt. Die „Nazijägerin“ nennen sie noch heute Menschen aus sehr verschiedener Motivation heraus. Ja, sie, und ihr Mann haben mehr als geholfen, den Schlächter von Lyon zu überführen. Und andere Kriegsverbrecher auch. Wo auch immer sich Täter versteckten, sie hat sie gefunden und den Skandal öffentlich gemacht. Trotz der Androhung von Gefängnisstrafen und erfolgter Verurteilungen. Zu Bewährung ausgesetzter Verurteilungen, ausgesetzt aufgrund öffentlichen Drucks.

Beate Klarsfeld ist eine mutige Frau – das wird kaum jemand bestreiten. Sie ist keine Linke, schon gar nicht im parteipolitischen Sinne. Sie ist ganz sicher eine Antifaschistin. Eine Antifaschistin, die Offizier der französischen Ehrenlegion ist, die für Israel eintritt und sich für den konservativen Präsidenten Frankreichs ausspricht. In Frankreich ist das kein Widerspruch, die Résistance wirkt nach. Auf der Gegenseite steht die extreme Rechte – aber Frankreich ist eben zuerst das Land der Résistance. Was die Partei DIE LINKE mit der Nominierung von Beate Klarsfeld getan hat, ist viel mehr als eine notwenige Nominierung oder gar ein geschickter Schachzug gegen einen für sie nicht wählbaren Kandidaten.

Es ist nicht weniger als ein Zeichen dafür , dass die Linke zumindest über ihren Schatten springen kann. Hin zu französischen Verhältnissen. Und würde sich auch nur eine Stimme außer der Stimmen der Linken im Bundestag für sie finden, wäre dies  wiederum ein Zeichen dafür, dass auch Ohrfeigen ein Land verändern können.

Was ich hier heute schreibe ist wahrscheinlich schon bald eine Majestätsbeleidigung. H.J. Gauck wird Bundespräsident. Dazu hat man seinen Vorgänger mit den übelsten Methoden aus dem Amt geputscht. Gleich, wie ungeschickt sich dieser dabei vielleicht verhalten haben mag, es gibt Situationen in denen man sowieso nichts richtig machen kann. Besonders, wenn gleichzeitig ober- unterhalb der Gürtellinie angegriffen wird. Und wenn BILD den Angriff führt, ist das umso schwieriger. Denn BILD bestimmt wieder die politische Leitkultur. Ja, BILD hat den Präsidenten gestürzt und rühmt sich dessen nun auch offen. Und damit ist die Demokratie nunmehr wirklich beschädigt. Und: Als Linker kann ich nicht verschweigen, dass auch Politiker dieser Linken mitgespielt haben. Warum auch immer. So viel zur eigenen Schande. Und wer eins und eins zusammenzählen kann im politischen Raum wusste, was nun folgen würde.

Warum dieser Putsch? Christian Wulff lag in mehreren politischen Fragen tatsächlich nicht auf Linie. Jedenfalls nicht auf der BILD-Linie. Die Migranten zum Beispiel haben in ihm einen wichtigen, ja den politisch wichtigsten Fürsprecher verloren. Dafür kommt jetzt Herr Gauck, ein erklärter Sekundant von Herrn Sarrazin. Das ist nicht das einzige, was man gegen H.J. Gauck ins Feld führen kann – seine politischen Positionen, wenn man diese so nennen kann, liegen weit rechts. Rechtskonservativ wird das, die Positionen verbrämend, genannt. Natürlich wird er die Oder-Neiße -Grenze nicht revidieren können. Nein, so weit wird er nun nicht mehr gehen in seinen Reden, für die er ja bald Redeschreiber haben wird. Er wird salbungsvoll plaudernd wiedergeben, was der Stammtisch grob sagt – er wird es dem bürgerlichen Geist übersetzen und schmackhaft machen. Mit einer großen Mehrheit hinter sich: Im Bundesrat und wohl auch unter den Bürgern. Er ist ein meisterhafter Darsteller in dem Stück, welches nun gegeben wird. Die Charge ist bekannt und beliebt. Früher hätte man ihn auf jeder Stadttheaterbühne genommen. Nunmehr braucht ihn die große, die politische Bühne.

Rot und Grün haben ihn gewollt, auch um der Kanzlerin eins auszuwischen. Nun muss die Kanzlerin zum bösen Spiel lächeln und so tun, als ob das ihr Spiel sei. Das ist es aber nicht. Vielleicht, so mag die fulminante Taktikerin denken, vielleicht erhöht dies eher ihre Chancen für die kommende Wahl. Und vielleicht erhöht es diese sogar. Aber um welchen Preis? Ihr eigenes politisches Programm, wenn sie es denn je hatte durchführen wollen, wird sie nun endgültig abblasen. Und das nur des Machterhaltes wegen. Die Probleme der Republik bleiben ungelöst.
Aber das Bewusstsein darüber wird seine kommende Majestät salbungsvoll zukleistern.

Das Ganze ist eine Schmiere, wie man früher am Theater sagte.

BILD hat nun gewonnen. Es gibt jetzt nur noch zwei alternative Möglichkeiten: Erstens: BILD übernimmt selbst die Präsidentschaft. Zweitens: Die Bundeversammlung wählt ein Neugeborenes. Der Bundestag ändert vorher die Verfassung. Im zweiten Falle muss der Präsident allerdings keimfrei aufwachsen. Sonst kommt wieder BILD infrage. Dem ließe sich vielleicht etwas begegnen, wenn die Bundeskanzlerin die Regentschaft übernehmen würde. Natürlich nur für eine begrenzte Zeit.

Oh je. Das neue Jahr ist da. Und wir bekommen vielleicht schon wieder einen. Einen was? Einen Bundespräsidenten. Warum denn? Weil BILD das so will. Und wer Ist BILD. BILD ist das Gewissen der Nation. Ich dachte, das ist der Bundespräsident. Ja, aber BILD sagt, dass er es nicht mehr ist. Aha-. Und wird BILD jetzt Bundespräsident? Hmmm. Was, hmmm? Ja, eigentlich... jedenfalls Geld leihen braucht sich BILD nicht. Hmmm....

Auch nächstes Jahr wollen Deutsche wieder viel reisen. Rund 90 Prozent der Befragten gaben an, 2012 zwei oder mehr Reisen zu planen und damit genau so viele wie im Vorjahr. „Die Umfrage zu den Reisetrends zeigt in diesem Jahr wieder deutlich, dass die Reisefreude der Deutschen ungebremst ist", so Dirk Loesch, Sprecher von TripAdvisor. „Hoch im Kurs stehen dabei Reisen ins Ausland." 95 Prozent der Deutschen planen 2012 mehr außerhalb Deutschlands zu verreisen, darunter 36 Prozent innerhalb Europas. 59 Prozent zieht es über die europäischen Grenzen hinaus in die Ferne. Beliebteste Reiseziele sind bei Fernreisen Asien (36 Prozent) und Nordamerika (33 Prozent). Würde Geld keine Rolle spielen, sähe es anders aus: Dann wäre der Südpazifik für 23 Prozent der Befragten vor Australien (19 Prozent) und den USA (11 Prozent) das erklärte Traumziel.

So, ein irgendwo aus dem Netz genommener Text. Nehmen wir an, die Daten stimmen halbwegs. Bliebe eine Anfrage. Wie verhält es sich denn mit den Urlaubsreisen aus diesen Ländern zu uns? Also zum Beispiel aus Asien, aus dem Nahen Osten, aus dem Fernen Osten, aus dem märchenhaften Indien und so weiter. Antwort: Es verhält sich in Grenzen. Ratschlag bei Anwalt.de: „Es wird dringend empfohlen, sich wegen der vielfältigen und komplizierten Rechtsfragen bei der Visumbeantragung nach Deutschland frühzeitig zu informieren und sich von kompetenter Stelle beraten zu lassen.“

Gastkommentar

Deutschland ist in Aufregung. Plötzlich und unerwartet kommt man den Mördern von acht türkisch- oder griechischstämmigen im Kleinhandel Beschäftigen auf die Spur und erkennt: Das waren Rechtsradikale, Neonazis. Und alle sind entsetzt. Über die Unfähigkeit des Staatsschutzes, der Polizei, der Justiz usw. Wer so reagiert, hat offensichtlich jahrelang ein Auge verschlossen, nur den linkem Extremismus als Gefahr ausgemacht und entsprechend die Kräfte gebündelt.
Extremismus kommt nicht von ungefähr. Er ist die Spitze eines Eisberges, Ausdruck verbreiteter Gesinnungen. Auch die Zwickauer Terrorzelle  hatte ein größeres Umfeld ähnlich Gesinnter. Doch auch das kann nur notorische Wegseher überraschen. Wenn jemand durch Deutschland tourt, große Säle füllt und das Publikum sich bei der Übereinstimmung in fremdenfeindlichen Haltungen bestätigt findet, dann sind diese Haltungen nicht eine Randerscheinung,
sondern weit verbreitet. Eben nicht nur bei den wenigen Mördern. “National befreite Zonen”, Überfälle auf Jugendklubs, zusammengeschlagene Jugendliche oder Veranstaltungen vom Demokraten unter Polizeischutz sind doch schon lange Realität. Als Juden sind wir besonders alarmiert. Im ersten Quartal 2011 wurden insgesamt 211 antisemitische Straftaten verübt (Antwort auf Anfrage der Linken im Bundestag). Auch ist bekannt, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit DAS einigende Band aller Rechtsradikalen sind. Und spätestens mit der Studie “Vom Rand zur Mitte” aus dem Jahre 2006 wurde wissenschaftlich belegt, dass fremdenfeindliche und antisemitische Einstellungen eben keine Randerscheinung sind, sondern besonders auch in Sachsen weit in die Mitte der Gesellschaft reichen. Übrigens ebenso in die Kirchen.
Um gegen diese Pest anzugehen, ist endlich das vorbehaltlose Zusammenwirken aller demokratischen Kräfte erforderlich. Solange Parteien wie CDU und CSU sich einer gemeinsamen Erklärung mit der LINKEN gegen Antisemitismus im Bundestag verweigern, wie beim Versuch anlässlich des 70. Jahrestages der November-Pogrome, solange friedliche Blockaden gegen Nazidemos in Dresden kriminalisiert werden, solange Angst über möglichen Verlust an Wählerstimmen (eben aus der Mitte der Gesellschaft) besteht, solange zweifle ich am ernsten Willen der entsprechenden Parteien, sich mit aller Kraft gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu stellen.

Dr. Herbert Lappe

Diese Woche kamen die Tode auf mich zu. Der eine Freund liegt mit dem tödlichen Krebs im Hospiz und zwischen den Zeiten des Morphiums reden wir über das Leben, die Zeitung und das Theater. Eine Stunde etwa, dann verschwimmt das Gespräch. Bis zum nächsten Tag oder Übernächsten oder auch dem Letzten.

Der andere Freund besuchte mich Gestern. Mitten im Wort brach er zusammen. Infarkt. Der Notarzt kam schnell aber konnte nichts retten. Wir kannten uns gut vierzig Jahre und redeten gerade über den Garten, den meine Tochter ansehnlich gemacht hatte.

Aber es kam auch eine gute Nachricht. Ich bekam eine Mail vom Sohn eines schon vor Jahren gestorbenen Freundes: Er habe nun die Aufzeichnungen seines Vaters zum Druck bekommen und würde sich freuen, wenn ich diese lese.

Für diese Woche habe ich genug. Was mich betrifft bin ich optimistisch. Der Text an dem ich schreibe braucht zumindest zwei Jahre.

Lothar Bisky ist 70 geworden. Wer ihn kennt, wird wissen, was ihm die Linke in Deutschland zu verdanken hat. Wer ihn nicht kennt, hat etwas verpasst. Er ist vielleicht der einzige Politiker, dem man Glauben schenken kann. Er wurde zweimal Parteivorsitzender als es anders nicht ging. Er hatte sich nicht darum beworben und er hatte sich auch nicht geziert bitten lassen. Nach seinem ersten Rücktritt nannte ihn eine Zeitung den seltsamsten Parteivorsitzenden in Deutschland. Das ist er auch geblieben. Er war nie ein brillanter Redner und absolvierte die entsprechenden Aufgaben auch nicht gerade mit Inbrunst. Er war auch nicht auf Sitzungen versessen aber er war geduldig, weil er wusste, dass sie eben dazu gehören. Er war vor allem ein Zuhörer. Für jedermann. Im Grunde ist er geblieben, was er immer sein wollte, ein guter Lehrer. Und er blieb auch dort, wo er immer sein wollte: bei den Leuten. Da war er hergekommen. Aus einer Kate. Was die Linke betrifft, so hat er wohl einen einzigen Kampf verloren. Allerdings den ihm Wichtigsten, den um eine Kultur. Eine Kultur, frei von Denunziationen und Besserwisserei. Er hat den Demokratischen Sozialismus nicht erfunden und das auch nie von sich behauptet. Aber er hat als Politiker versucht, ihn zu leben. Wenn einer in dieser Partei Ernst gemacht hat mit dem libertären Sozialismus, dann er. Dass es ohne Freiheit keine Gleichheit geben kann und auch gar keine Gerechtigkeit muss man Lothar Bisky nicht erst erzählen. Vielleicht hat seine Partei noch so viel Verstand, um das zu verstehen. Es wäre sonst um sie schade, weil es vor allem ein Schade wäre für diejenigen, die sie brauchen könnten: die Leute, die eher unten sind als oben.

Es mag ja wohl zum Ritual politischer Parteien gehören vor anstehenden Grundentscheidungen noch einmal alles auf die Waagschale zu werfen. Die plötzlich in der Linken ausgebrochene Debatte um den Stalinismus mag zu diesen Ritualen gehören. Oskar Lafontaine hat ein Buch rezensiert welches Teile der PDS-Debatte um den Stalinismus, vorwiegend aus den 90iger Jahren wiedergibt und der Rezensent hat die Linke gewarnt ob des Stalinismus nicht den aufrechten Gang zu verlernen. Darob empörten sich vor allem ehemalige PDS-Politiker die heute Politiker der Linken sind. Auf den sachlichen Punkt gebracht, könnte man die Frage, ob Stalinismus eine Sache der Vergangenheit oder etwa der heutigen kapitalistischen Gegenwart sei als akademisch interessant ansehen, nur, wenn Politiker sich äußern geht es selten um wissenschaftliche Erkenntnis sondern um politische Einflussnahme und Weichenstellungen. Lafontaine, dessen Herrschaftswesen nicht nur in der Karikatur schon als „Bonapartismus“ beschrieben wurde hat unzweifelhaft mit seinem Engagement die Linke geformt und machtpolitisch geprägt. Die Reformsozialisten der PDS haben dies nicht nur geduldet sondern sind den Weg des Erfolgs nach anfänglichem Zögern gern mitgegangen. Sie haben auch keinerlei Einwände erhoben als einige Reformkräfte, vor allem in Sachsen dem Erfolgskurs geopfert wurden indem gegen sie Methoden verwendet wurden die in der Geschichte der ostdeutschen Linken durchaus an spätstalinistische erinnern mögen. Nahezu eilfertig wurden Regeln weder hoffähig, die die PDS seinerzeit im Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit dem Stalinismus verworfen hatte. Regeln und Methoden, die allerdings in anderen Parteien auch anzutreffen sind ohne dass diesen eine Nähe zu Stalin unterstellt werden müsste. Regeln, die schon in früher Kritik des modernen Parteisystems problematisiert wurden. Nun hat und ist jedes Ding auch seine Geschichte und mit der Geschichte des Kommunismus / Sozialismus ist im 20. Jahrhundert ist der Name Stalin und der Begriff des Stalinismus verbunden. Wahrscheinlich unauslöschlich verbunden. Und so mag er Sozialisten immer als Warnschild gelten. Denn der Begriff gehört zuvörderst in die Geschichte der politischen Menschheitsverbrechen. Leichtfertig und auch unredlich allerdings ist es, wenn eine Diskussion darum nun dafür gebraucht wird, um in der Linken Auseinandersetzungen auszutragen, die damit eher verschleiert als beim Namen genannt werden. Die auf Lafontaine Antwortenden bedauern, dass jener die Richtungsentscheidung um das Programm damit wieder aufgemacht habe. Wenn es dem so ist müsste man Lafontaine eher danken. Man müsste dann aber endlich einmal wirklich formulieren worin diese Entscheidung denn bestünde. Ich jedenfalls sehe nicht, dass die Alternative lauten würde Stalinismus oder moderner Sozialismus. Ich glaube nicht, dass es nennenswerte politische Kräfte in der Linken gibt, die im System des Stalinismus auch nur irgendeinen Ansatz für die Zukunft entdecken könnten. Was ich aber sehe ist das hilflose Buchstabieren überholter Rezepte. Wozu also diese angebliche Debatte? Um zu übertünchen, dass es um eine machtpolitische Auseinandersetzung geht angesichts anstehender Wahlen deren Ausgang ungewiss ist? Um vielleicht auch sich selbst davon abzulenken, dass die wirklichen Diskussionen um die Probleme dieser Welt kaum geführt wird, dass der Erkenntnisfortschritt der Linken momentan wenig voran kommt. Dass es keine politische Kultur gibt, die Entdeckungen, Erfahrungsaustausch und Lernen begünstigt. Dass im Grunde die Demokratie in der Partei wieder reduziert ist auf die Würdenträger in Parlamenten und Vorständen. Gleich ob ältere Herren oder jüngere Kader. Aber dies ist nicht nur oder gar zuerst das Erbe Lafontaines sondern vor allem die Schuld derer, die Erkenntnisse aus der Gründungszeit der PDS eilfertig opferten zugunsten des schnellen Erfolges. Vom Erfolg von Schwindel befallen, könnte man ausgerechnet Stalin zitieren. Aber das wäre natürlich infam. Oder?

Deutschland ist ausgestiegen. Nicht unbedingt fröhlich und auch ein bisschen mit einer leicht geöffneten Hintertür. Richtig. Aber Deutschland ist ausgestiegen. Ausgestiegen aus einer Logik, und wie auch immer man es bedenken mag, mit gewaltigen Konsequenzen. Die erste der großen Industrienationen tanzt aus der Reihe. Warum auch immer, das war ein mutiger Schritt und es ist allemal besser, sich korrigieren zu können statt auf einem für falsch erkannten Weg weiter zu marschieren. Und wenn Frau Merkel einen solchen Schritt gehen kann, dann heißt das schon viel. Denn es ist nicht allein die Einsicht, die ausreicht, sondern das Tun bestimmt letztlich das Geschehen. Der Wunsch kann beflügeln und ohne die vierzig Jahre seit dem er lebt wäre der Ausstieg nicht möglich, aber es kann auch alles zu spät werden, dauert das Aufschieben an. Das haben wir doch einst erlebt in unserem gewesen kleinen Land. Wider unserer Einsicht blieb alles ohne Folgen. Und die Folge war dann eine ganz andere... Politiker brauchen Mut und dieser ist eine nicht sehr verbreitete Eigenschaft. Politiker rechnen in Wahlperioden. Nur, die Welt richtet sich kaum nach Wahlperioden. Die Maulwürfe fragen nicht ob der Boden denn reif sei. Wir werden anders leben müssen: das ist die eigentliche Botschaft. Gleich ob sie Konzernen passt oder ob sie sich wenigstens auch darauf einstellen. Deutschland ist ausgestiegen und selbst, wenn dies rückgängig zu machen wäre, es wäre nicht mehr zu streichen. Ab und an gibt es solche Ereignisse. Selten, aber nun doch.

Gastkommentar

Der Vorwurf, innerhalb der Partei DIE LINKE gäbe es antisemitische Gedanken, ist nicht neu. Er wirkt nur besonders schwer, weil gerade diese Partei – im Gegensatz zu anderen Parteien hierzulande – in einer mehr als einhundertjährigen Tradition des Kampfes gegen Antisemitismus steht.

Dennoch: Der Vorwurf ist nicht ganz aus der Luft gegriffen, wie ein Beispiel zeigt: Im November 2007 machte ich DIE LINKE darauf aufmerksam,  dass ihr  außenpolitischer Sprecher Prof. Norman Paech auf eine „bemerkenswerte“ Rede von Frau Hecht-Galinski verweist. Sprache und Inhalt dieser Rede unterschieden sich kaum von Sprache und Inhalt der Reden heutiger Nazis. Die Antwort des außenpolitischen Sprechers Axel Goldmann auf meinen Hinweis lautete: „Auf Grundlage solcher unsachlichen Unterstellungen (und ich sage auch, Falschaussagen und bewusster Verunglimpfung) …“

Es gab mehrere Versuche der Partei, dem Vorwurf des Antisemitismus in den eigenen Reihen zu entgehen. Der letzte ist der Beschluss der Fraktion vom 8. Juni 2011.

Ich habe meine Zweifel, ob dieser Beschluss, man kann ihn auch als Maulkorb verstehen, irgend etwas bewirken kann. Sein wesentlicher Mangel besteht darin dass er nur sehr mittelbar mit Antisemitismus zu tun hat.

„Wir werden uns weder an Initiativen zum Nahost-Konflikt, die  eine Ein-Staaten-Lösung für Palästina und Israel fordern … beteiligen.“

Ich weiß nicht, was die Forderung nach einer Ein-Staaten-Lösung mit Antisemitismus zu tun hat – schließlich wurde diese Forderung schon vor vielen Jahren von Juden aufgestellt, die sich einen demokratischen, nicht-religiösen Staat mit gleichen Rechten und Pflichten für ALLE Einwohner wünschten. Allerdings: Heute ist diese Forderung wohl kaum noch realistisch. Aber auf lange Sicht kann ich mir keine andere Lösung vorstellen.

„… noch an Boykottaufrufen gegen israelische Produkte … beteiligen …“

Natürlich assoziieren Boykottaufrufe Aufrufe aus der NS-Zeit. Aber wie ist es mit einem Boykott von Waren aus den besetzten Gebieten?

„… noch an der diesjährigen Fahrt einer “Gaza-Flottille” beteiligen. „

Um es klar zu sagen: Ich war gegen die vergangene Gaza-Flotille die nicht eindeutig sicherte, dass es sich ausschließlich um humanitäre Güter handelte. Und gerade die Teilnahme von Norman Paech ließ mich noch mehr an der Lauterkeit der Aktion zweifeln. Aber ich sehe nichts „antisemitisches“ wenn andere meinen es sei richtig mit einer neuen Gaza-Flotille, Hilfsgüter an Bedürftige zu liefern. Manchmal können auch entgegengesetzte Positionen ihre Berechtigung haben.

Die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus schlagwortartig auf diese oder jene Position gegenüber Israel zu verkürzen, ist nach meiner Meinung falsch. Richtiger wäre, die verschiedenen Standpunkte in Ruhe zu diskutieren und nicht zu verbieten. Und hier hat DIE LINKE tatsächlich Nachholbedarf!

Dr. Herbert Lappe

02.06.11

Die Paradoxa mehren sich. Um die Zivilbevölkerung Libyens vor Gaddafi zu schützen wird sie verstärkt bombardiert. Um Osama Bin Laden seiner gerechten Strafe zu zu führen befiehlt ein Präsident life dessen Hinrichtung. Eine Bundesregierung, die gerade erst die Verlängerung der Laufzeiten für Kernkraftwerke beschloss, übt sich nach Fukushima im Salto mortale und verkürzt nun tatsächlich die Laufzeiten. Buchstabieren wir die Ereignisse weiter, dann schwindet jede Sicherheit wie von selbst. Es ist einfach kein Verlass mehr: auf die Politik nicht und nicht auf die Wirtschaft und schon längst nicht mehr auf die Finanzen. Irgendwie ist doch der Wurm drin. Retten wir nun die Griechen gegen deren Willen? Oder die Portugiesen? Oder die Italiener? Oder uns? Und wie lange macht denn nun die EU noch? Und in Afghanistan ist ja nicht einmal ein General mehr sicher. Und der deutsche Verteidigungsminister aus dem schönen Sachsen hat verkündet für die Toten zu beten. Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe eines Feldkaplans? Und was haben wir eigentlich dort zu suchen wenn wir erst einmal die Zivilisten erschießen müssen um ihnen zu helfen? Wirklich, die Politik scheint sehr hilflos zu werden. Viel an Taktik – keine Strategie.  Vielleicht macht es der Westerwelle richtig? Wenn es nicht mehr geht kann man ja den Posten abgeben. Aber wer kriegt ihn dann? Die LINKE ? Die Sozialdemokraten? Die GRÜNEN? Trittin for Kanzler! Eigentlich klingt das schon ganz gut. Mit dem Erzengel Gabriel an der Seite und – was die Linke betrifft schau’n wir mal. Oder lieber nicht. Frau Kipping als Ministerin für Grundeinkommen? Immerhin arbeitet sie seit ihrem sechzehnten Lebensjahr darauf hin. Das ist Konsequenz. Aber das scheint doch nicht nötig zu werden. Ganz so schlimm kommt es nicht.  Und wie kommt es? Ja, das ist das Thema der nächsten drei Jahre. Bis dahin merkeln wir weiter. Und wenn das alles nicht so ernst wäre könnte man sogar drüber lachen.

Gregor Gysi ist doch immer für Überraschungen gut. So ganz nebenbei spricht er von einer Wiederkehr Lafontaines auf die Bühne der Bundesrepublik. Erstaunlich klar antworten einhellig ihm die Amtsinhaber der LINKEN, dass sie davon nicht viel hielten. Gysi wiederum stellte seinen Vorschlag unter den Vorbehalt einer Notlage, die er aber derzeit auch nicht sähe. Warum also so ein Gerede?
Ein wenig verdeckt vom steilen Absturz der Liberalen stellt sich der Weg der LINKEN seit einiger Zeit weniger dramatisch dar. Es geht einfach Stück um Stück abwärts: von Sonntagsfrage zu Sonntagsfrage. Eine Rot-Grüne Option bedürfte des Dunkelroten nicht mehr. Die Ziele der jüngsten Wahlen wurden allesamt kräftig verfehlt, die Debatten um den Porsche des Vorsitzenden und die Kommunismusdiskussion um Frau Lötzsch taten nichts dazu, die Lage der Partei zu bessern, im Gegenteil. Die LINKE erweist sich als ein Konglomerat, welches sich in Strömungen ohne Hauptstrom ergeht. Die Programmdebatte, falls man das überhaupt so nennen kann ist nur ein Ausdruck einer Partei, die derzeit ihre Position nicht bestimmen kann. Nicht, indem sie die Themen anderer radikal zu überbieten sucht, aber auch nicht, in dem sie
Logisch also, dass wieder einmal der Ruf nach dem starken Mann, und Lafontaine ist ein solcher, laut wird. Gysi, talentierte Taktiker und der gestandene Stratege Lafontaine könnten, so interpretiere ich einmal den Gedanken könnten also wieder einmal die Sache reißen. Vielleicht könnten sie es sogar, aber ich bezweifle, dass diese Altvorderen das eigentliche Problem angehen könnten und würden. Und so käme vielleicht eine Stabilisierung der Lage heraus – bis zum nächsten Abgang bis zum nächsten Herzinfarkt oder... oder.
Die LINKE ist unwillig und vielleicht derzeit sogar unvermögend, die Welt wahrzunehmen, wie sie ist. Das betrifft durchaus auch andere Parteien und deren Politiker: Nur im Unterschied zu diesen besteht ja der linke Konsens noch immer darin eine andere Welt möglich machen zu wollen. Aber genau dieses kann zum Witz verkommen wenn die Realität nur mit einem halbblinden Auge gesehen wird. Dieses halbblind zeigte sich nie so deutlich wie im Programmentwurf. Man kann einen Großteil in etwa so treffend beschreiben: die Welt als Hölle.
Eine Hölle lässt sich schwerlich reformieren und die Wege zum Himmel dürften daraus unauffindbar sein. Das Irdische aber, die Widersprüche, die treibenden Kräfte kommen in den sogenannten Analysen der Politik kaum noch vor. Eine Linke ohne Dialektik aber wird kraftlos. Das Denken erstarrt.
Eben das ist das Problem der LINKEN. Ihre Politiker haben Denken und Handeln für die Partei übernommen. Dies akzeptiert, wäre Lafontaines Rückkehr zu wünschen. Er ist sich schließlich selbst Programm genug. Nur, nach alldem, was unter seiner (und Gysis) Ägide stattgefunden hat bliebe so mit ziemlicher Sicherheit zu sagen, dass es die Erstarrung nicht lösen würde weil dieses Duo gar nicht verstünde worüber ich rede.

Es ist Krieg. Welche Synonyme dafür auch benutzt werden: es ist Krieg. Er begann mit Gaddafis Angriffen auf seine Opponenten; auf die Demonstranten und die von ihm abgefallenen Städte. Und jetzt sind die Willigen auch im Krieg. Der willige Herr Sarkozy zum Beispiel. Dessen Gattin immerhin ganz gute Lieder schreiben kann. Und der Nobelfriedenskämpfer Obama, der ein anderes Amerika versprach und irgendwie auch ist. Lauter sympathische Leute. Wir sind nicht dabei – wie schade tönt es durch die Medien. Das werden wir nicht durchhalten, nein. Das schadet unserem Ruf ungemein. Jeder Ex-General bläht sich zum Politiker auf in den Talkshows. Und ausgerechnet Frau Merkel will nicht und Herr Westerwelle auch nicht. Aber die SPD würde schon wollen. Für die gute aufständische Sache, die durchaus gut sein mag. Aber Krieg? Ist Krieg möglich für die gute Sache. Und wie lange dauert das dann? Wie im Kosovo? Oder wie in Afghanistan? Wäre es eine gute Sache, wieder in Tobruk zu sein auf den Spuren Rommels? Haben wir denn gar nichts gelernt? Doch. Diesmal doch. Halbherzig, aber doch. Wie im Irak. Ich bin erstaunt darüber mit der Kanzlerin überein zu stimmen: Ist das Ostdeutsche plötzlich in ihr erwacht? Oder die Vernunft. Denn dort wo wir in Kriegen waren und sind in den letzten Jahren, da begann das ja ausgerechnet unter rot-grün. Und wir haben vielleicht doch gelernt, dass man da schwer wieder heraus kommt. Und vielleicht sogar auch so schnell gar nicht heraus darf, wenn nicht wieder noch mehr Krieg entstehen soll. Warum auch immer die Kanzlerin und der Außenminister nicht in den Krieg ziehen wollen und was auch immer da gespielt und nicht gespielt wird: Es ist besser nicht im Krieg zu sein und ein bisschen isoliert unter Kriegern.

Gestern hab ich nicht geschafft was ich wollte. Die Bilder und Nachrichten im Fernsehen waren stärker. Wir glauben immer, dass alles klar sei. Wir versuchen immer, zu rechnen. Ein Irrtum. In der Chaostheorie gibt es den Flügelschlag eines Schmetterlings, der alles anders machen könnte. Mathematisch ist das exakt - aber ziemlich unwahrscheinlich und hat nichts Praktisches. Wenn es aber eintritt, dann sind wir irgendwie eigenartig, weil wir versuchen, es mit unserer Erfahrung einzuordnen. Und das machen die Talkshows weil sie ja etwas machen müssen. Aber was wirklich geschieht wissen wir nicht und die Fachleute auch nicht. Und die Planer haben gerechnet, dass die Kernkraftwerke ein beben bis zur Stärke acht Komma zwei aushalten müssen. Aber jetzt kommt eine neun und die neun war nicht vorgesehen. Was machen wir, wenn wir etwas nicht vorgesehen haben? Meistens werden wir es verdrängen weil wir lieber so weiterleben wie gehabt. Das ist vernünftig mit unserer beschränkten Vernunft. Aber was wäre die Alternative? Können wir uns umstellen und mit welchen Risiken wäre das verbunden? Wie sollen und können 120 Millionen Menschen auf einer Insel ohne nennenswerte Rohstoffe anders leben? Ohne einen Rückfall in barbarische Zeiten natürlich. All das zeigt, wie verletzlich unsere Zivilisation ist und wie wenig an dem gearbeitet wird, was man Alternativen nennen könnte. In zehn Jahren werden wir vielleicht fast 10 Milliarden Menschen auf dem Planeten sein. Und jeder davon hat das Recht auf seinen Glücksanspruch. Und dieser ist nicht nur ideell, sondern sehr materiell zu verstehen. Es beginnt mit den scheinbar einfachsten Dingen: Wasser, saubere Luft, Nahrung. Aber es hört damit nicht auf. Wie viel Energie benötigt ein Mensch? Und wer legt das fest? Und wer will schon eine Gesellschaft, in der irgendwelche hohe Herren den anderen zuschreiben, was ihnen zukommt an Leiden und Genüssen. Ein solcher Versuch ist ja vor zwanzig Jahren gescheitert. Oder schon früher? Ich lese bei facebook wieder einmal, dass das Kapital schuld sei und merke, dass ich keine Lust mehr auf die einfachen Antworten habe. Nicht einmal mehr auf diejenigen, die stimmen. Um es besser zu sagen: Die einfachen Antworten sind meistens nicht ganz falsch. Aber sie sind ziemlich unbrauchbar für eine Antwort darauf, wie wir denn anders leben könnten. Aber mit der Frage wäre wenigstens zu beginnen, nicht zum ersten mal.

Wofür noch richtig arbeiten, wenn man es auch billiger haben kann? Ein Guttenberg hat es ja allen gezeigt. Aber immerhin; dass sich an die dreißigtausend Studenten und Akademiker, weiblich wie männlich, dagegen wehrten, dass ihre mühselige Arbeit so einfach entwertet wird, lässt hoffen. Aber die halbe Million, die sich bei facebook für die Wiederkehr des Ministers einsetzt gibt auch zu denken. Beinahe könnte man schließen: zu Guttenberg ist überall. Wo Akademiker als Tellerwäscher arbeiten dürfen ist doch der Traum davon, dass es auch umgekehrt ginge, naheliegend. (Womit ich nichts gegen Teller waschen gesagt habe und noch ganz andere und selbst weniger ehrenwerte Tätigkeiten anbringen könnte, zu denen heutzutage eine akademische Ausbildung führen kann.) Denn selbst die Kanzlerin wollte ja wohl auch keinen Doktor, sondern einen feschen Typen für das Amt. Wie wohl auch abertausende Schwiegermütter.
Ja, er ist schon ein Tausendsassa und die Medien sind schuld. Selbst BILD hat die ihm die Stange nicht ganz bis zuletzt gehalten. Oder? Bleibt nur die Frage: Wann kommt er zurück? Wenn er nicht einen besseren Job kriegt. Angebote bleiben sicher nicht aus. Das Einzige, was geschehen könnte, wäre, dass er sich das Ganze doch zu Herzen nimmt. Und das darf nicht passieren. So ergeben die Demonstrationen zu seinen Ehren einen Sinn. Sie sagen: Du musst nur noch ein bisschen warten bis zur Widerauferstehung. Die Welt ist nun mal aus den Fugen. Tun wir nicht so moralisch, wir sind doch alle nur Menschen. Das hast du uns gezeigt. Alle sind wir Sünder. Das heißt: Wir vergeben dir.

Gestern wurde ich in einer Mail aufgefordert heute zur Synagoge zu kommen um sie zu schützen. Als ich zurück schreiben wollte, dass ich vor hätte an einem anderen Ort zu stehen, fiel mit plötzlich ein, dass es eine Schande sei, dass Synagogen schon wieder geschützt werden müssen. Und der Satz aus dem Film „das Urteil von Nürnberg“ fällt mir ein: Sind wieder so weit?
Warum dürfen Nazis hierzulande marschieren? Warum erfolgt regelmäßig jenes Spiel, dass die Kommunen braune Aufmärsche nicht genehmigen, die aber dann doch im gerichtlichen Eilverfahren genehmigt werden? Warum werden tausende Polizisten aufgeboten zu deren Schutz? Zahle ich dafür die Steuern? Das Recht sei nun einmal so, höre ich. Und das Recht sei doch ein hohes Gut. Tatsächlich ist es das – aber wer setzt das Recht?
Es mag geltendes Recht sei, dass Nazis marschieren dürfen aber das heißt nicht, dass dieses Recht richtig ist. Es ist eine rechte Schande. Und dass die Politik schon Jahrzehnte lang nicht handelt um das Richtige zu Recht werden zu lassen ist ebenso eine Schande.
Und dass zehntausende Menschen nach Dresden kommen müssen um mit dafür zu sorgen, dass die braune Schickeria nicht so zum Zuge kommt, wie sie es will, das ist eigentlich eine traurige Angelegenheit. Auch dann, wenn wir dann dabei nicht mit bierernsten Gesichtern herumlaufen, wenn die Demo buchstäblich tanzt, wenn der Konstantin Wecker singt, wenn wir uns vor den heruntergeklappten Helmen nicht das Leben miesmachen lassen und die Extremismuskeule der Ideologen selbst meinen Zahnarzt nicht mehr abhält, dabei zu sein.
Es gäbe sicher schönere Angelegenheiten für eine Demo – es gäbe aber keine Wichtigere.
Danke also. Danke, dass ihr gekommen seid um sie uns mit vom Halse zu halten. Und nur eines wäre noch besser: wenn diejenigen, die es könnten, sie uns vom Halse schaffen würden. Aber ich fürchte, das wird noch eine Weile dauern.

Es sei allemal besser, eine Revolution zu machen als darüber zu schreiben. So ähnlich formulierte es Friedrich Engels. Allerdings wusste er wohl noch nicht, wie sehr das darüber schreiben über das machen bestimmend werden könnte. Wir haben am TV eine Revolution erlebt. Anfangs sehr spärlich und unsicher. Was ist denn das für ein Aufstand, wer sind die Akteure? Irgendwelche Namen wurden eingeführt, die den Europäern wohl in den Kopf kamen. Welche Parteien? Natürlich müssen Parteien sein. Und so nahmen die Vermutungen über die Rolle der Muslimbrüder einen Gutteil der Talks ein. Erst langsam dämmerte es: Offenbar gibt es da eine Jugend von der wir nichts wissen. Die ohne das Verbrennen von israelischen oder amerikanischen Fahnen zu zelebrieren und ohne Führer – und Gefolgschaft miteinander kommuniziert und sich so versammelt und nicht mehr weggeht – egal wer sie dazu auffordert. Und selbst als das Internet abgeschaltet wird und die Handys keine SMS mehr hergeben – wohl auch Dank Vodavone – machen die Jungen weiter, mithilfe von Google und Twitter: und schreiben. Eine Revolution über Facebook? Nein, das sei keine Revolution kommt es einerseits mir zu Ohren während andererseits diese Revolution nun plötzlich die weiße genannt wird und mit der gelben verglichen und dem Herbst 89 in Deutschland. Freilich, es lässt sich alles vergleichen. Und vergleichen lässt sich ganz gewiss das Erstaunen der Politiker samt ihrer politologischen Institute, dann das zögern, lavieren und so kurz vorm Erfolg das Gebaren von Überläufern. Nun werden die Revolutionäre gefeiert während sie natürlich selbst feiern. Und darauf folgen die weisen Ratschläge unter dem Aspekt ihrer Interessen. Man muss sich nur die Außenkommissarin der EU anhören. Bis nach Kairo ist sie wirklich nicht vorgedrungen. Aber was hätte sie dort auch sagen können. Jetzt ist das freilich einfach. Revolutionen haben ihr Schicksal und dies beginnt mit den Berichten über sie. Die Meinung folgt der veröffentlichten Meinung. Das Neue ist wohl nicht in einem Satz zu fassen. Aber dass Staaten und ihre Regime in diesem Jahrhundert nicht mehr so einfach das Denken und Schreiben kontrollieren können ist sicherlich neu. Dank Cyberworld. Dass die Herrschenden die Dauer ihrer Herrschaft gern für die Ewigkeit halten ist nicht neu, aber es ist neu, dass sie das Ende öfter selbst erleben. Und dass der Satz des Patriarchen, geht nachhause, so einfach beantwortet wird: hier sieh die Schuhe, hau ab.

Nach drei Tagen ohne Nachricht erreichte mich gestern trotz aller gekappten Kommunikationsverbindungen meine Tochter aus Kairo. Ihre letzten Fotos vom Aufstand stammten vom Mittwoch. Seitdem sind Internet und Telefone tot. Sie standen, soviel habe ich den zwei Minuten des Gesprächs verstanden, sie standen vor dem ägyptischen Museum um es vor Plünderungen zu schützen. Trotz der Ausgangssperre und dem Vorgehen der Staatsmacht. Das Schicksal des Irakischen Museums in Bagdad seinerzeit vor Augen, denke ich: Ein Aufstand, der zugleich darauf achtet die Geschichte des Volkes zu schützen ist ein Novum. Eine Revolution, die ihre Kultur verteidigt hat vielleicht die Aussicht das Regime hinweg zu fegen ohne im Chaos zu enden, aus dem dann neue Diktatoren kommen.

Wie kann man seine Regierung los werden? Nach wochenlangen Demonstrationen und ein paar verschärfenden Plünderungen tritt der Präsident zurück und begibt sich in ein befreundetes Land, besser, unter den Schutz eines befreundeten Regimes. Irgendwie kommt mir das bekannt vor. Manchmal klappt das auch nicht. Dann schlagen die Anhänger des Regimes zurück. Manchmal wird auch der gestürzte Präsident kurz und knapp erschossen und manchmal wird er sogar wieder zurückgebracht. Natürlich auf den Schultern seiner Anhänger die zumeist mit guten Feuerwaffen aus dem Arsenal seiner Freunde ausgerüstet sind. Je nach Ansicht nennt man einen solchen Vorgang Rebellion, Umsturz oder gar Revolution. Zumeist haben die Revoltierenden unmittelbar nicht viel davon, ausgenommen ein paar Anführer – aber selbst das ist nicht sicher. Zumeist sind die Staatskassen längst geplündert und die Reste reichen gerade noch für ein Fest. Die zehn Jahre darauf sind meist nötig um überhaupt wieder etwas vom vorrevolutionären Niveau zu erreichen - alles andere hängt dann vom Geschick und Ungeschick der Erben ab. Es ist wohl so, wie Walter Benjamin schrieb: Revolutionen sind die Notbremsen der Geschichte. Dann wenn gar nichts mehr hilft werden sie gezogen, so kurz vor Abgrund. Allerdings sieht ein aufgrund einer Notbremsung entgleister Zug meist nicht sehr viel besser aus, als ein abgestürzter. Ab und an erleben wir so etwas. Denn ab und zu scheint es keinen anderen Weg zu geben. Wie soll Marie Antoinette gesagt haben? Was, es gibt kein Brot – warum essen sie nicht Kuchen? Eben dann hilft wirklich nichts anderes mehr. Leider oder Gott sei Dank.
Fast möge man sagen: Warum macht ihr es denn nicht so wie wir? Wir können die Regierung alle paar Jahre einfach abwählen. Das spart Kräfte, schont die Nerven und sichert die Renten. Und selbst, wenn das nicht viel ändert, so verleiht uns das doch ein gewisses Gefühl: jetzt haben wir es ihnen aber gegeben. Und ganz sicher erspart es jene unkalkulierbaren Massenspaziergänge auf Strassen und Plätzen, deren Bilder nach Jahren hervorgeholt werden zu irgendeinem Jubiläum, staunend betrachtet werden: wie waren wir mutig! Man kann auch fragen, wie blöd waren die Herrschenden, dass wir damals erst spazieren gehen mussten? Ja, natürlich besteht der Sinn jeder Revolution darin, sofort eine Revolution unnötig zu machen. Und deshalb wird sofort gewählt.
Und genau das hört man auch sofort aus dem Munde unserer Demokraten aller Parteien. Und bin mir sofort mit unserem Außenminister völlig einig. Und das ist gar keine Ironie.

Beim Betrachten der Fotos von der Demonstration zu Karl und Rosa, fiel mir ein, dass ich Ende der achtziger Jahre ein Lied dazu schrieb, das ich meinem Freund Klaus Peter Schwarz widmete. Wenn ich an die jüngste unglückliche Debatte denke, mit der die Vorsitzende der Linken gedachte, die Kommunismusfrage mit der Zukunftsfrage zu verbinden, fiel mir ein, ob es nicht auch hier richtiger wäre, dem Rat von Karl Marx zu folgen, die Toten die Toten begraben zu lassen. Über mögliche Wege aus der Diktatur des Geldes zu reden, scheint mir notwendiger denn je, stellt man jedoch die Fragen nach etwaigen Türen zum Kommunismus, muss man sich zumindest vergegenwärtigen, dass diese Türen von Millionen Toten geschlossen sind, die von Stalin, Mao oder Pol Pot und anderen im Namen des Kommunismus umgebracht wurden. Vor mehr als zehn Jahren in Angkor erzählte mir unser Reiseführer sein Leben. Er war der einzige Überlebende seiner Familie und seiner Schulklasse. Über den Begriff Kommunismus war die Diskussion entstanden, aber sein Begriff davon war seine Geschichte. Und ich verstand, dass diese Realität nicht zu löschen ist. Es geht wohl nicht nur um einen anderen Weg, sondern um eine andere Zukunft, die noch keinen Namen hat.

Einmal Bruder Januar
Werden wir hier gehen
Wieder ist ein kaltes Jahr
Tief gefroren die Chausseen

Haben rote Fahnen, haben
Blumen mitgebracht
Kommen hierher von der Arbeit
Oder von der Nacht

Es ist Traumzeit
Es ist Raumzeit
Es ist kaum Zeit / Die Kippen glühn
Es ist weit

Keiner hat uns hergeschickt
Alle sind wir einfach da
Keiner der die Sprüche klopft
Kein Halleluja

Alte, Junge, Männer, Fraun
Keine Spitze, kein ZK
Gehen wir diesen Weg zusammen
Sind zusammen da

Es ist Traumzeit
Es ist Raumzeit
Es ist kaum Zeit / Die Kippen glühn
Es ist weit

Dorthin wo Rosa und Karl und
Die ihnen folgten sind
Eisig kommt auch dieses Jahr
Dieser Winterwind

Freiheit ist stets die der Andern
Gehen heißt gegen den Strom
Bruder, wir gehn einfach wandern
So zur Demonstration

Es ist Traumzeit
Es ist Raumzeit
Es ist kaum Zeit / Die Kippen glühn
Es ist weit

 

(geschrieben 1988)

Die erste Nachricht des frischen Jahres. Meine Tochter schickt sie mir als SMS zusammen mit den guten Wünschen: Ein Mann zündet eine Autobombe in Alexandria nach einer koptischen Messe. 21 Menschen sterben. Ich war ja gerade in diesem Land und der Rucksack ist noch nicht einmal ausgepackt. Vor drei Tagen waren wir im koptischen Viertel in Kairo. Es hätte auch dort geschehen können oder da. Terror – vielleicht fasst der Begriff es nicht – das bedeutet, dass jederzeit an jedem Ort ein Sprengsatz gezündet werden kann. Einfach so, ohne politische Ziele, wie sie einst russische Anarchisten oder frühe Kämpfer der Fatah und anderer Organisationen hatten, die man oft fälschlicherweise als Terroristen bezeichnet. Heute geht es um etwas anderes. Um Terror als Selbstzweck, Terror als Selbstwert, einfach als Machtdemonstration, Terror als Verneinung von Leben. Der Tod, das Töten wird zu einem Ziel an und für sich. Mit Mephsto gesprochen: Alles sei Wert, dass es zugrunde geht. Das ist nicht unbedingt etwas Neues in der Menschheitsgeschichte, aber es erscheint neu in einer Zivilisation, die im Grunde auf das Leben baut – oder dies zu tun zumindest von sich glaubt. Alle Weltreligionen verkünden hier dasselbe. Terrorismus aber – gleich worauf er sich beruft - folgt einer anderen Logik. Sie heißt: Der Tod ist das Ziel. Tod zu bringen, verleiht Macht – die Macht über Leben und Tod, eine größere gibt es nicht. Wie auch immer aus Menschen Terroristen werden, eines frage ich mich: Was muss geschehen, damit das Leben so Unwert gefunden wird, um es so gänzlich zu verneinen. Was ist in dieser Welt so falsch angelegt, dass es die Prediger des Todes so leicht haben, Rekruten zu gewinnen? Denn Terror entsteht ja in der Welt und die Bombenleger sind mitnichten Revolutionäre sondern eher der negativste Ausdruck des Negativen, eben der Ungerechtigkeit und absoluten Ungleichheit. Das System in die Luft zu sprengen erhält es. Das ist das Paradox.
Dass das Leben nicht lebenswert sei, das gab es schon in der Antike. Es mag ein Trost sein, dass sich die dem anhängenden Bewegungen von selbst zum Aussterben verurteilten. Niemals aber für die Opfer.

Das Jahr geht zu Ende und welche Summe soll man ziehen. Wenn ich darüber nachdenke fange ich an, zu vergleichen. Jedes Jahr hatte seine Höhepunkte und Tiefpunkte und der einst zwanzigjährige ist nicht derselbe, der hier schreibt. So gesehen war man mit dreißig vielleicht am glücklichsten, die Dummheit war besiegt und die Zukunft grenzenlos offen. Alles war da, was der Mensch braucht. Und doch, wenn ich über dieses nun fast vergangene Jahr nachdenke, kommt es mir so vor, als hätte es nie ein besseres gegeben. Ich sehe staunend darauf und sage, es ist selten, dass alles gestimmt hat. Ich gehe freier in das kommende Jahr als ich es Jahre lang getan habe. Wenn dieses Jahr einen Namen tragen könnte, wie es ja bei manchen Völkern Brauch ist, dann würde ich es mein Jahr der Befreiung nennen. Ich habe mich in diesem Jahr befreit: von den bürokratischen Spielregeln der Politik zum einen und von einer ganzen Menge verkrusteten Überlieferungen zum anderen. Ich sehe heute anders hin und höre anders zu als vordem. Ich habe in diesem Jahr zu unterscheiden gelernt zwischen den politischen Freunden, die ich in den letzten zwanzig Jahren hatte und den eigentlichen Freundschaften. Und nur zwei konnten von den ersteren konnten mehr werden als Bekanntschaften der Politik. Aber ich habe neu Menschen kennen gelernt vor allem in der Arbeit an jenem Projekt welches das Jahr bestimmt hat. Das war ein seltenes Glück und wenn ich selbst erstaun bin über die Kraft, mit der ich in diesem Projekt gearbeitet habe, so weiß ich, dass es nur möglich war, weil ich so viel zurück bekam von all denen, die sich dafür einsetzten: mit ihrer Kraft und ihren Fähigkeiten. Ich habe von ihnen lernen können und ich habe seitdem auch jeden Unglauben an die Jüngeren verloren. Sie leben unter anderen Umständen als wir sie damals hatten, aber sie sind nicht weniger wissbegierig und talentiert. Und sie können sich für eine gute Sache engagieren. Vielleicht sind sie sogar klüger, trotz und zugleich wegen dieser Erfahrung, die sie haben, nämlich der, dass ihnen nichts geschenkt wird. Ich habe in diesem Jahr mit mehr Menschen gesprochen als vordem, ich habe mehr Schicksale kennen gelernt und ich bin heute ohne die letzten Vorbehalte, die ich mir trotz meiner alten Liberalität bewahrt hatte. Die Summe daraus ist: Wenn das letzte Dogma sich aufgelöst hat, beginnt Freiheit. Dann erst können wir sehen, was ist. Die Menschen sind spannend, meine Neugier ist unendlich. Und sogar die Liebe ist größer. Im Allgemeinen wie im konkreten. Mehr gehört nicht hierher, aber auch das wäre nicht denkbar ohne sich die Freiheit dazu auch zu nehmen.
Auf meinem Klavinova, auf dem ich manchmal spiele steht ein Bambus in das ein Relief geschnitten ist. Konfutsi oder Laotse oder einfach nur ein Mann in einem Boot. Es war mir ein Lied darauf wert. Vielleicht ist es mein Lied des Jahres, wenn diese Bezeichnungen noch etwas aussagen können. Das Jahr kommt, das Jahr geht. Der Weg ist das Ziel. Und so habe
ich zum Schluss des Jahres eine Reise unternommen. Ich war in Ägypten bei Julia und wir waren in Luxor, Kairo, Assuan. Wir waren in den spärlichen Ruinen der Sonnenstadt des Echnaton und der Nefertari, die wir Nofretete nennen, deren Bilder auf den Wänden ausgekratzt wurden und die doch überdauerten, weil sich nicht alles vergessen lässt. Und immer kommt ein Tag, an dem sich erinnert wird, dass da schon etwas war, an dem sich vielleicht anknüpfen ließe – in und zu welcher Zeit auch immer.

Auf ein altes chinesisches Bambusrelief

Der Mann in dem Boot
Das Wasser fließt still
Es fließt und es fließt
Gleich was dieser Mann will

Die Wellen sind sanft
Das Wasser ist klar
Es gleitet das Boot
Mit dem Mann durch das Jahr

Der Weg ist das Ziel
Über kurz oder lang
Weiß nicht, wie es endet
Gott sei Dank

Der Mann in dem Boot
Ob er schweigt oder spricht
In den Bart bis zur Brust
Nicht dürr und nicht dicht

Sieht er, was er da sieht
Einen Baum, einen Strauch
Der Fluss schwimmt bis zum Meer
Und der alte Mann auch

Der Weg ist das Ziel
Über kurz oder lang
Weiß nicht, wann er endet
Gott sei Dank

Der Mann in dem Boot
Wer weiß was er denkt
Kein Mast und kein Ruder
Nur der Fluss, der ihn lenkt

Lao Tse, oder Budha
Kong Fu Tsi, Jesu Christ.

Ich sah noch keinen
überm Wasser gehn.
Weil es nicht
möglich ist.

Bernd Rump
2.12.2010

Die Festnahme von Julian Assange titelte BILD in dieser Woche einfach: Verräter gefasst. Was und wer ist ein Verräter? Zwei vergleichbare Begriffe fallen mir ein: der Vaterlandsverräter und der Volksverräter. Mit dem ersteren Begriff wurden einst die bedacht, die den Krieg nicht mehr mitmachen wollten, mit dem zweiten die Opfer Stalins. Verrat gilt als unmoralisch. Der Verräter ist vogelfrei. Verräter genannt zu werden ist eine moralische Denunziation. Die Festnahme von Assange hat offiziell nichts mit Wikileaks zu tun. Davon einmal abgesehen, dass er sich selbst gestellt hat. Aber darum geht es wohl auch gar nicht. Es geht um die Denunziation, um den Stempel: Verräter. Denn selbst, wenn man den Verrat liebt, den Verräter liebt man nicht. So das Sprichwort. Von einem Verräter soll man nichts annehmen. Natürlich auch nicht seine Informationen, Erkenntnisse. Nichts, was er sagt. Nicht einmal, wenn sie uns eigentlich zustünden in einer Demokratie und es gar nicht eines „Verrates“ bedürfen dürfte. Und wie weit ist es vom Verräter zum Vaterlandsverräter, zum Volksverräter? Wo kommen wir noch hin?

„Die Deutschen sehen den Islam deutlich kritischer als ihre europäischen Nachbarn. 40 Prozent der Westdeutschen und 50 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich durch fremde Kulturen bedroht, ergab eine Umfrage des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ an der Universität Münster in mehreren europäischen Ländern.“ Zu dieser Debatte fiel mir vorgestern dieser Text für ein Lied ein:

Nach Norden, nach Norden...

Wir sind einmal ausgezogen

Ganz unweit - aus Afrika

Wir marschierten in weitem Bogen

Aber irgendwann waren wir da

Nach Norden, nach Norden, nach Norden

Da werden die Wiesen jetzt grün

Wir folgen den Löwen in Horden

Ins grüne Land wollen wir ziehn

Wir waren einst schwarz wie die Ratten

Und langsam wurden wir hell

Verloren das Haar das wir hatten

Und kriegten Haut statt ein Fell

Wir wurden so weiß gewaschen

Von Wüsten und Meer und Eis

Wir brannten die Toten zu Aschen

Und wälzten uns tanzend im Kreis

Nach Norden, nach Norden, nach Norden

Da werden die Wiesen jetzt grün

Wir folgen den Löwen in Horden

Ins grüne Land wollen wir ziehn

Vielleicht warn wir  tausend und tausend

Vielleicht waren wir auch mehr

Wir fanden uns Höhlen zum  hausen

Und wir erfanden den Speer

Wir haben sie alle erschlagen

Die vor uns gekommen warn

Wir nahmen uns ohne zu fragen

Alles vor zweimal zehntausend Jahrn

Nach Norden, nach Norden, nach Norden

Da werden die Wiesen jetzt grün

Wir folgen den Löwen in Horden

Ins grüne Land wollen wir ziehn

Wir sind einmal ausgezogen

Ganz unweit – aus Afrika

Wir marschierten in weitem Bogen

Aber nun, aber nun, aber nun sind wir da.

Bernd Rump

2.12.2010

Eine schöne Nachricht. Die Kulturfabrik Hoyerswerda hat einen Preis bekommen vom Ostsächsischen Sparkassenverband. Verein des Jahres. Das ist schon etwas. Es ist einfach erstaunlich, dass es immer wieder Leute gibt, die ausgerechnet in Hoyerswerda Kultur in die Hand nehmen – im ehemaligen Speiseraum- und -trakt eines ebenfalls ehemaligen Heimes für Kinder. Seit zehn Jahren nunmehr. Eine Idee, die schon in Berlin oder Dresden zu realisieren kein Leichtes ist oder wäre. Aber hier, abseits von überregionaler Wahrnehmung als nahezu ein Wunder erscheint. Ein eigenes Kulturhaus. Es ist egal wie klein oder groß es ist – es könnte schöner sein, größer, es könnte günstiger gelegen sein. Es könnte aber ohne diese wunderbar verrückten Akteure, ohne Uwe, ohne Pille, ohne Andreas ohne Helge und ohne die Truppe an der Theke und eine ganze Menge weiterer Leute nicht sein.
Hoyerswerda, eine Stadt, die einst über siebzigtausend Einwohner hatte und heute etwas mehr als dreißigtausend. Der Wandel traf wohl keine Stadt im Osten so wie diese Stadt. Einst das Herz der Industriegesellschaft, heute um mehr als die Hälfte geschrumpft. Die „hässlichste Stadt Deutschlands“, nannte man sie in der Financial World – oder „Stein gewordener Reißbretttraum sozialistischer Kaninchenzüchter“, so der Spiegel. – damals, als 1991 in dieser Stadt Ausländer gejagt wurden, worüber sich die Welt zurecht entsetzte. Ja, ausgerechnet dort gibt es immer wieder Kultur. Vieles dort ist für mich mit Gerhard Gundermann und seine Freunden verbunden, deren Versuchen, schon damals sich selbst und damit auch anderen etwas anzubieten, den Kindern, den Jugendlichen, den Klugen, den weniger klugen. Singen, Theaterspielen und danach gar zum Tanz. Es lebt also fort, erstaunlicherweise, wo doch so Vieles nicht fortlebt: verdient oder unverdient.

Auch an diesem Wochenende gibt es dort ein Liedermachertreffen. Die „Hoyschrecke“ wird verliehen und Liedermacherinnen und Macher haben sich angemeldet, zu kommen und sich vorzustellen. Wie in alten Zeiten, denke ich und freue mich: Auf die Gespräche, die Lieder, und auf Hoyerswerda überhaupt und die Leute, die ich treffen werde. Und sage: herzlichen Glückwunsch für diesen Preis. Ihr werdet damit wieder etwas mehr tun können für das, was so wichtig ist und zum Stoff, den man Leben nennt, gehört.

http://www.youtube.com/OSVvideo#p/u/5/5SpHfQss3to

JULIA: In der Bundesrepublik wird heute Kunst aus der DDR oft mit der Begründung abgelehnt, dass es in einer Diktatur nicht möglich sei, sich künstlerisch zu entfalten.

BERND: Kunst reagiert immer auf die Verhältnisse die sie vorfindet. Sie kann sie dabei sogar verändern, aber nur ein bisschen. Das heißt, die Verhältnisse sind wie sie sind und die Kunst hält ihnen zum Beispiel auch einen Spiegel vor. Die Kunst lebt nicht besser, wenn sie mehr Brot hat. Was die Kunst allerdings braucht ist eine bestimmte Freiheit das zu tun, aber die kann sie sich auch erkämpfen. Und das ist unter anderen Umständen manchmal schwieriger.

JULIA: Also, sie kann zum Beispiel eine Revolution unterstützen?

BERND: Ja, das kann sie.