Es wird Zeit, wieder online zu gehen. Drei Jahre lang war, mit einer kurzen Unterbrechung, diese Website gesperrt. Hacker hatten sich die Seite wiederholt vorgenommen. Der Provider reagierte wenig hilfreich. Er reagierte nicht einmal, er kassierte nur. Eigentlich wollte ich die Sache schon aufgeben, es ist schließlich reiner Luxus, weiter online zu sein. Das dachte ich inzwischen. Dazwischen.

Also, warum erneut diese Seite betreiben? Sie verursacht Kosten, macht Arbeit, die Rückkopplung ist überschaubar, und der Nutzen nicht zu messen. Der Welt wird sie wohl nicht unbedingt fehlen, und mir, genau genommen, auch nicht. Ich könnte ja meine Meinungen und Bemerkungen auch vom Balkon herunter rufen. Vielleicht würde das sogar jemand hören. Zustimmungen oder Ablehnungen kann ich auch im Fratzenbuch kurz von mir geben, also wozu eine Website? Wozu zum Beispiel einen Blog schreiben? Was hat in diesen drei Jahren denn gefehlt? Hat etwas gefehlt? Ich weiß es wirklich nicht.

Allerdings. Allerdings was? Allerdings: Nehmen wir einmal kurz an, wir würden alle nichts mehr schreiben, nichts mehr sagen... Nehmen wir es einmal an. Dann würde vielleicht wirklich etwas fehlen. Oder? Oder gehen wir noch etwas weiter: Was wäre, würden die Bücher verschwinden? Wenn Bücher verschwinden wird die Geschichte verschwinden, und die Menschen werden ebenfalls verschwinden, bekräftigte einst Susan Sonntag in ihrem berühmen Interview für den Rolling Stone. Und schon Heine meinte, wenn Bücher brennen, brennen bald auch die Menschen. Es ist erschreckend, wie recht er damit hatte.

Nun maße ich mir etwas an, kann man dem entgegnen. Tatsächlich? Aber was ist es denn sonst, was Hacker betreiben. In der digitalen Welt braucht es kein Streichholz für ein Autodafe. Es genügt ein Klick. Ein Klick und du bist gelöscht. Oder manipuliert. Tatsächlich hilft etwas dagegen. Man kann es nämlich auch sein lassen, einfach aufhören. Das hat einen Vorteil; den, dass man nicht gelöscht wird. Weil man gar nicht da ist. Will ich das? Auf die Dauer? Ewiger Urlaub. Wohl nicht.

Das digitale Zeitalter - was für gewaltige Worte nehmen wir täglich in den Mund - hat nämlich jetzt schon seine Schattenseiten. Vielleicht wird es alle Kraft brauchen, um die Autonomie des Menschen zu bewahren, in einer Zeit, in der selbst die Worte in ihrem Inhalt umgedreht- und verdreht werden können, wie es ja ausgerechnet der Slogan vom "autonomen fahren" beweist. Es mag sein, dass ein Gewinn an Freiheit sehr hoch bezahlt werden wird, nämlich mit der Freiheit schlechthin.

Um diese geht es mir. Nicht nur im Netz, indem ich heute nur kurz nach etwas fragen muss, um nicht nur eine wissenschaftlich richtige oder wenigstens halbrichtige Antwort, sondern dazu alle möglichen Angebote der Warenwelt vorgeführt zu bekommen. Angebote, die mir die Zeit stehlen, die mein Email-Konto verstopfen und die mich verwundbar machen. Ich bin im Fadenkreuz. Google, Facebook, und wie sie alle heißen und noch heißen werden, sind mitnichten Menschenfreunde, es sind Unternehmen, die verdienen und verdienen müssen. Sie sind nichts besonderes; gewöhnlicher Kapitalismus, ein Teil vom Verhältnis, das wir alle miteinander eingehen, und auch auf nicht absehbare Zeit weiter miteinander eingehen werden. Ob wir es wollen oder nicht.

Eine Website allein dagegen setzen zu wollen, wäre eine Blasphemie, eine Unmöglichkeit, denn auch der Widerspruch ist immer zugleich Teil der Verhältnisse, in denen er widerspricht. Aber noch sind wir nicht allein. Nichts zu tun, das wäre gleich die offene Kapitulation vor den Verhältnissen. Einmal getätigt, katapultiert sie den sich Verweigernden ins Nichts. Die Türen schließen sich und ihre weitere Betätigung obliegt irgendwem oder irgendeinem Programm. Jedenfalls wenn es nach der Vorstellungswelt der Propheten der digitalen Weltordnung geht. Der Mensch wird entfernt aus dem Leben, mausetot gemacht. In die Rente geschickt, von Arbeit befreit und von jedem Einfluss. Er wird autonom, heißt es jetzt nach neuerer verkehrter Lesart des Wortes. Und das heißt: Keine Chance mehr, die Welt zu ändern. Oder doch?

Wie auch immer: hic Rhodus, hic salta. Machen wir, was noch geht. Und solange es geht. Bleiben wir trotzdem. Warten wir nicht auf bessere Zeiten. Widersprechen wir dem Zeitgeist. Empören wir uns. Stampfen wir wenigstens noch einmal auf mit den Füssen, bevor wir von der Bühne treten.

Sich nicht zu verweigern, sondern einfach da zu sein, dagegen zu sprechen, wenn es sein muss auch gegen den Lauf der Welt, der Dinge, oder wie man es auch nennen mag: gegen die perfide Vernunft, gegen das unentrinnbare Schicksal, gegen jede Allmacht, das Kapital, die chinesische Erfolgsbilanz, die Kastentrennung, das Patriarchat, den amerikanischen (Alb)Traum - gegen die perverse Autonomie des gelobten Fortschritts. Gegen den nagelneuen "Neuen Menschen", gegen "Design statt sein".

Der Da Vinci Code gilt weiter: Der vitruvianische Mensch. Der Mensch als das Maß aller Dinge. Protagoras, vermutlich 490 bis 411 vor der Zeitrechnung Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder alles.

Bernd Rump