Betrachtung eines Films.

Nein, er hatte wirklich keine Zeit mehr. Als wir vor vielen Jahren nach einem Termin suchten, fanden wir den Neujahrstag. Wir haben ihn genutzt, den ganzen Tag. Es war unsere letzte Begegnung. Gundi war mein Freund, wir kannten uns seit den Siebzigern. Und nun sitze ich da und habe einen Film gesehen, der so heißt wie er und ich weiß schon, dass einen Unterschied macht, ob man im Leben und auf der Bühne steht oder auf der Leinwand zurückkehrt. Zwanzig Jahre danach. Und ich werde jedem raten, diese zwei auseinanderzuhalten, diesen Gundermann und den Gundi, der, ich sagte es schon, am Neujahrstag Zeit dafür fand, über die Zeiten zu reden. Und jetzt vergesse ich meinen Rat, denn ich bin ja derselbe wie damals, jedenfalls bin ich das zu einem Teil. Und frage mich, der, der da zurück kehrt mittels der Leinwand, wer ist das? Was ist geschehen?

Was ist ihm geschehen? Was ist uns und mit uns geschehen? Es ist, ich sage es vorweg, es ist ein wichtiger Film. Es ist ein Film, der mich trifft und betrifft. Ich habe an ihm nichts auszusetzen, wohl aber anzumerken. Wer wäre ich denn? Und erst er? Es sind Jahre vergangen und wir sitzen uns gegenüber. Ein bisschen schräg, aber es geht, wir sehen uns irgendwie. Aus den Augenwinkeln. Es sind noch sechstausend weitere Leute gekommen. Abends, an der Elbe. Ich kenne einige davon, wir grüßen uns. Winken uns zu. Die Schlange am Eingang war sehr lang. Zwischen Siebzehn und Siebzig, denke ich. Das ist doch was. Der wird ja immer lebendiger, der Mann, der Gundermann. Hier im Osten, im sozusagen Heimspielstadion. Jetzt geht’s los. Die Songs kenne ich, ich kenne sie alle, ich kenne noch ein paar dazu. Ich kann mitsingen. Die da vorn jetzt spielen haben bei dem Film mitgemacht. Spielfilm. Kein Dokfilm. Alle Leute sind Darsteller. Auch die Musiker. Nichts ist vermischt. Es ist ein Film. Dann die Umbaupause und die schreckliche Werbung. Das dauert und ideenlos ist sie auch, die Werbung. Provinz, denke ich. Und sogar die pfeift auf dem letzten Loch. Ach Gundi, die müssen wir aushalten. Irgendwann beginnt wohl endlich der Film. Schnell kommt noch der Regisseur zu Wort. Auch wieder schade, man hätte ihn ja was fragen können. Der Ansager haspelt den Punkt schnell herunter, immer schneller wird er…

Worum geht es eigentlich? Um das Leben des Gundi Gundermann. Um das Leben also, den Tod eingeschlossen. Und um den Ort dieses Lebens. Hoyerswerda. DDR. Schreiben wir es aus: Deutsche Demokratische Republik. Und wir sind schnell beim Thema. Scheinbar jedenfalls. Die Staatssicherheit kommt vorbei. Und sie wird auch nicht so schnell wieder gehen. Sie kommt in zweierlei Gestalt: einmal im Original – und zum anderen dann als ihr Echo: ein dicker Stapel Akten, Täterakte genannt. Die Opferakte ist leider weg, aber die interessiert auch nicht. Hier ist die Akte und jetzt haltet den Dieb. Den machen wir jetzt fertig. Wenn der Film so weiterginge, wäre es jetzt an der Zeit, aufzustehen und zu gehen. So läuft es ja seit dreißig Jahren mit dem Thema und das abgewickelte Land, welches eine Revolution gemacht hatte, ist darüber nahezu verstummt. Das nennt man Aufarbeitung. Nun, man schämt sich ja gern seiner Vergangenheit, vor allem, wenn dies so erwünscht wird. Nur: irgendwann erkrankt man daran. Die Krankheit geht derzeit um auf den Straßen.

Der Regisseur weiß, auf welch heißem Pflaster er sich befindet. Das Leben der Anderen hat vor über einem Jahrzehnt die Richtung angegeben. Böse und Gut wurden ein für allemal geklärt. Es hat zwar keinen Oskar dafür gegeben, was als eine Hommage an die Jury gemeint ist, aber es ist schon der Film geworden, in dem das nachschnüffeln bei den Schnüfflern von damals zum moralisch sauberen Prinzip erklärt wurde. Denn in diesen Zeiten war ein IM ja kein Mensch, sondern ein Täter. Und selbst der Regisseur… aber lassen wir das. Denn das wagt dieser Andreas Dresen nun infrage zu stellen. Er fragt nach den Motiven, er fragt nach der Persönlichkeit, er fragt nach dem Widerspruch. Und plötzlich wird er lebendig, dieser Gundermann, der in einem Land lebte und arbeitete und Lieder machte das er unentwegt ernst nahm. Das Land. Egal, worum es ging. Um den Bagger im Tagebau, um den Kommunismus als Lebensweise, um die unsichtbare Front. Um den Riss durch die Welt. Er war das sich selbst verwirklichende Ideal der sozialistischen Persönlichkeit, des neuen Menschen, des Künstlers, der von eigener Hände Arbeit leben will und nicht von der Kunst, die für ihn etwas anderes ist als die einfache und auch schnöde Arbeit, die aber für ihn auch etwas Grundlegendes hat: dort, wo der Bagger ist, ist sein Boden, dort ist sein zuhause. Man kann das gar nicht einfacher sagen. Er war es wirklich. Was? Das, was diese Partei, die ihn erst nicht haben wollte und dann so schnell wie möglich wieder hinaus warf, einst postuliert hatte. Das neue Leben. Das lebte er ganz praktisch. Und damit stand er freilich im Widerspruch zur Gesellschaft, wie sie war. Und wie sie heute ist, natürlich erst recht. Und es ist alles ganz logisch, wenn man einerseits weiß: Keiner oder Alle. Und andererseits singt: Aber mit `nem Lied fängt es erst mal an. Was? Was fängt damit an? Na, was schon? Und wer? Die Zukunft? Aber was, wenn die Zukunft irgendwie ausfällt, ausgefallen ist? Wenn die Ideale sich als das herausstellen, was Ideale immer sind; die Träume der Idealisten. Und die Wirklichkeit sich nun als eine ganz andere entpuppt. Oder?

Kurz und knapp: Hier findet der Widerspruch statt. Dieser Gundermann hat diesen Riss gelebt. Und das nicht erst seit der Wende. Er weiß eigentlich schon immer, dass es nicht gut um seine Utopie steht. Und das sagt er auch unablässig und jedem und jeder. Dem Parteichef genauso wie der Stasi. Das hält freilich nicht jeder aus. Nicht einmal ein Gundermann. Das macht ihn grob, unfreundlich, herrschsüchtig. Er geht mit seinen Leuten um, dass man nur staunt, dass sie sich nicht gleich davon machen. Er ist selber ein fürchterlicher „Bescheid- Wisser“, wie er einmal singen wird. Und: Das hält er selber nur aus, indem er das Gegengewicht sucht. Und das ist spannend und poetisch. Er findet es, und damit sich, in den Liedern, in der Poesie. Es klingt verrückt. Dieser Gundermann musste all das schreiben, singen, um die Realität auszuhalten. Und ohne diese Realität hätte er nicht schreiben und singen können. Deshalb mag er nicht von ihr lassen und bleibt dabei bis zum Ende. Das ist das Geheimnis, und dies hatte zur Konsequenz, doppelt zu leben. Im wortwörtlichen Sinn. Das lerne ich jetzt. Vor dem Filmbesuch hätte ich das nicht so sagen können. Den ganzen Film trägt dieser Widerspruch. Zwischen dem Bagger und der Musik. Zwischen den Menschen und der Landschaft, und auch zwischen Leben und Tod. Alles ist da zwischen Liebe und Zorn, wie ein anderer Liedermacher einst schrieb.

Diese wunderbare ältere Frau zum Beispiel, die ihm, dem Gundermann erst einmal zeigen muss, was das ist, ein Bagger. Diesem grünen Jungen, der grad eine Armeekarriere weggeworfen hat indem er einen Anlass gab, dass sie ihn hinausgeworfen hatten aus der Offiziersschule. Ja, das war ein Vorteil in dieser DDR. Tiefer konntest du nicht fallen als in die laut Verfassung immerhin führende Klasse. Das Auffangbecken für Zukunft. Das Mahlwerk für Schwache. Du wurdest hier hineingeworfen. Und da war jemand und sagte: Ich halte dich. Schwimmen musst du freilich selber. Man kann das auch als Dialektik fassen. Diesen schönen Widerspruch. Man erträgt ihn wohl am besten mit wenig Schlaf. Indem man ihn lebt. Immer in Doppelschicht. Immer die Kerze an beiden Enden anbrennen. Immer wieder die Erde aufreißen und sehen, wie das Gras wieder und wieder wächst. Und dann, als sei all das nicht genug, eine Liebe haben und sie nicht ausschlagen, sondern um sie kämpfen, auch wenn das ganz einfach heißt, dass ein anderer sie verliert. Ja, so ist das. Das Leben ist nämlich nicht fair. Und es wunderbar in dieser Rolle eine Schauspielerin zu sehen, die vermag, ein wenig über den Dingen zu schweben und der Härte und Brutalität das Sanfte, das Weiche und doch Haltbare entgegenzustellen. Und das Schöne. Diese Conny ist der Mensch, den dieser verrückte Liedermann braucht, sie ist seine Rettung und er weiß darum. Und das muss man erst einmal spielen. Ich bedanke mich für diese Darstellung. Und bei all den anderen Darstellern auch. Ja, bei allen, die diesen Film verwirklichten. Und etwas mehr, etwas, was ich nicht benennen möchte, weil ich es für mich fest halten will. Und nur für mich.

Gundermann lehrt mich etwas über Gundi. Ich weiß, es werden nicht alle glücklich damit. Sie hätten sich gern einfach die Widerauferstehung gewünscht. Immer wissen alle es besser, auch ich hätte eine Menge an Anregungen und Anekdoten beizusteuern. Aber darum geht es nicht in der Kunst. Es geht um die Wahrhaftigkeit. Und ich sage: Ja, alles ist wahr, wirklich nichts fehlt. Nicht einmal er. Wer? Gundi Gundermann natürlich.