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JULIA: In der Bundesrepublik wird heute Kunst aus der DDR oft mit der Begründung abgelehnt, dass es in einer Diktatur nicht möglich sei, sich künstlerisch zu entfalten.

BERND: Kunst reagiert immer auf die Verhältnisse die sie vorfindet. Sie kann sie dabei sogar verändern, aber nur ein bisschen. Das heißt, die Verhältnisse sind wie sie sind und die Kunst hält ihnen zum Beispiel auch einen Spiegel vor. Die Kunst lebt nicht besser, wenn sie mehr Brot hat. Was die Kunst allerdings braucht ist eine bestimmte Freiheit das zu tun, aber die kann sie sich auch erkämpfen. Und das ist unter anderen Umständen manchmal schwieriger.

JULIA: Also, sie kann zum Beispiel eine Revolution unterstützen?

BERND: Ja, das kann sie.

JULIA: Du sagtest, dass die Kunst der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten kann. Wie habt ihr das in Eurer Theaterarbeit gemacht?

BERND: Wir haben versucht Probleme deutlich zu machen. Probleme, die die Menschen haben, in den Verhältnissen. Und zugleich waren wir damit auf eine Veränderungen bzw. Verbesserung bestehender Verhältnisse aus. Um das gleich klar zu sagen: Über lange Zeiten war man mit den Grundüberzeugungen, die die Politik hatte oder zu haben vorgab, nicht im Konflikt. Mit denen stimmte man teilweise überein. Die DDR war nicht zu jedem Zeitpunkt die Gleiche. Zunehmend entstand eine Differenz bis hin zur Divergenz. In den 80ern war die DDR nicht das was sie Ende der 60er Jahre war. Und insofern hatte auch der Künstler ein anderes Verhältnis zu ihr. Um das noch mal klar zusagen. Der Künstler muss sich immer unter den Verhältnissen beweisen die da sind. Und er kann sich andere wünschen, aber er darf sie nicht negieren, sie sich nicht schönreden. Und das kann man von der Kunst in der DDR nicht pauschal sagen.
Und insofern ist die These eine reine politische Zweckthese. Nach meiner Meinung verweist die Kunst in der DDR darauf, wie die Menschen gelebt haben, wie sie gelacht haben, was sie wollten und wie sie gearbeitet haben. Und sie hatte einen kritischen Blick.

JULIA: Was für Themen haben denn interessiert in der DDR?

BERND: Mit all dem was ein Mensch tut und die DDR war eine Industriegesellschaft. Also kam Arbeit vor. Es kam der arbeitende Mensch vor, in einem ganz anderem Maße als er das heute tut. Es kam darüber vermittelt auch Dinge vor, die mit wissenschaftlichen Veränderungen einhergingen. Es gab politische Themen. Politische weltweite Veränderungen interessierten uns. Wir waren ja nicht außerhalb der Welt. Politisch sozialisiert wurde ich vielleicht am meisten in der Vietnamkriegszeit. Das war im Osten nicht anders als im Westen. Nur unsere Möglichkeiten darauf zu reagieren waren natürlich sehr unterschiedliche.

JULIA: Das heißt?

BERND: Die 68er Bewegung hat im Osten nicht stattgefunden oder nur in einem so kleinem Maße, dass sie eigentlich kaum zu nennen ist.

JULIA: Aber bewegt hat es euch trotzdem?

BERND: Selbstverständlich hat uns das bewegt. Uns hat bewegt, was in der Welt geschehen ist. Che Guevara war für uns genauso ein Begriff und gleichzeitig ein Mythos, aber die Kenntnisse waren nicht besonders groß. Chile hat uns bewegt, sehr stark sogar, auch schon deshalb, weil sehr viele Emigranten zeitweise in der DDR lebten. In die Welt zu sehen hat uns interessiert. Das war ja nicht so einfach für uns.

JULIA: Aber man durfte das ja nicht so ausdrücken? Es hatte ja sicher einen Grund, dass es die 68er Studentenproteste in der DDR nur in so kleinem Umfang gab.

BERND: Das hatte verschiedene Gründe. Zum Einen, dass - etwas was es in der Bundesrepublik gegeben hat, das weitgehende Verschweigen des Naziregimes und des eigenen Beteiligt sein - bei der jungen Generation zu massiven Fragen führte. Dieses Verschweigen gab es so in der DDR nicht. Es gab allerdings was anderes. Eine Mythologisierung des Widerstandes würde ich das nennen. Diese Frage stand für uns so nicht oder wir haben sie nicht so erkannt. Aber noch zu Deiner vorhergehenden Frage. Wir lebten in der gleichen Welt und die hat uns interessiert. Wir mussten uns nur andere Zugänge erobern. Wir sind mit der gleichen Musik groß geworden. Natürlich mit den Beatles und dem, was in dem Zusammenhang entstand. Es hat unser ästhetisches Bewusstsein geprägt. Musikalisch, unsere Art zu schreiben, zu sehen. Da waren wir gar nicht so ganz anders.

JULIA: Wieso konnten die Beatles nicht in die DDR kommen und dort spielen?

BERND: Das war sogar irgendwann mal diskutiert worden, aber da gab es sie dann schon beinahe nicht mehr. 1965 gab es ein Rollback in der Kulturpolitik und dauerte bis Anfang der 70er Jahre an. Da wurden bestimmte Dogmen gesetzt, die aber gleichzeitig auch immer wieder unterlaufen wurden ...
Manchmal klingt das lächerlich. Also, man sagte, wir brauchen eine eigene Tanzmusik. So ein Quatsch. Es kann nicht viel rauskommen dabei. Und es gab auch gewisse Grunddogmen im politischen Sinne. Das Dogma. das wir gewissermaßen eine Stufe weiter wären in der menschlichen Entwicklung oder ähnlicher Unsinn. Oder das politische Hauptdogma, die so genannte führende Rolle der Partei, begründet durch die angeblich führende Rolle der Arbeiterklasse.

(Telefon klingelt)

JULIA: Wir waren bei den Dogmen.

BERND: Immer wenn die Macht angetastet worden ist oder diese Führung glaubte, dass sie angetastet würde, dann gab es Schwierigkeiten.

JULIA: Und inwiefern hat das die Theaterarbeit bei euch beeinflusst?

BERND: Man hat schon darüber nachgedacht, wie man was sagt. Natürlich. Man will ja auch nicht dumm sein. Zugleich gilt, noch mal gesagt: Wir standen viele Jahre in einer bestimmten Übereinstimmung. Nicht nur wir jungen, sondern überhaupt viele Künstler, Intellektuelle. Wir dachten wirklich, wir seien an einem sehr wichtigen Fortschritt beteiligt. Um es jetzt mal klar zu sagen: Das heutige System ist ja auch nicht das Gelbe vom Ei. Wichtig ist mir, einfach festzustellen, man konnte arbeiten. Und dazu kam, dass Künstler sozial gar nicht schlecht gesichert waren.

JULIA: Welchen Stellenwert hatte denn die Kunst in der DDR?

BERND: Einen sehr hohen. Insbesondere die Literatur.

JULIA: Und warum?

BERND: Weil man das Wort überschätzt hat. Die Macht des Wortes wurde eindeutig überschätzt. Weil die Macht von Ideologien überschätzt wurde. Das die Partei zu bestimmten Zeiten so auf die Kunst gesehen hat, dass es überhaupt solche Auseinandersetzungen gab, wie in den Fünfzigern, wie Mitte der 60er Jahre, hatte ja damit zu tun, dass man glaubte,  die Kunst habe einen riesigen Einfluss.

JULIA: Und das man die Kunst vielleicht auch nutzen könne, um das Regime zu stabilisieren? Hat man auf bestimmte Künstler ein Auge geworfen?

BERND: Ja, natürlich, auch um das System zu stabilisieren. Man darf nicht vergessen; das Regime hat selbst auch eine Geschichte. Und in dieser Geschichte spielte durchaus die Kunst - in der Zeit in der sie zum Beispiel im Widerstand stand oder noch früher - eine große Rolle. Ein Teil der Künstler standen ja an der Seite der kämpfenden Arbeiter usw. Das darf man ja nicht vergessen. Auch deshalb fand die Kunst eine hohe Wertschätzung. Es gibt noch weitere Gründe. Auch deshalb, weil sie so breit wirkt. Also, Künstler als Verbündete zu haben, schien der Partei und deren Führern wichtig. Gleichzeitig hat sie sie damit überschätzt und höllisch und kleinlich aufgepasst, bis in Blödigkeiten hinein.

JULIA: Ähnlich wie beim Sport. Man braucht gute Sportler um sich in der Welt zeigen zu können?

BERND: Ja, aber hier noch aus einem anderen Grund. Man braucht ja auch eine eigene Identifikation. Wenn man mit der DDR auf einem Teil des deutschen Territoriums einen eigenen Staat, eine eigene Gesellschaft errichtet, dann kann man das nicht auf Dauer gegen die Menschen tun. Das heißt man braucht Verbündete. Man brauchte Identifikation. Stolz sollten die Menschen sein können.

JULIA: Das heißt, die Kunst sollte helfen eine DDR Kultur herzustellen?

BERND: Richtig. Und deshalb der hohe Stellenwert. Auch materiell. Heute interessiert im Grunde überhaupt nicht wovon ein Künstler lebt. Das hat in der DDR sehr wohl interessiert. Dazu gab es Verbände, dazu gab es Stipendien, dazu gab es Aufträge, eine ganze Menge Preise, ein ganzes System davon. Künstler waren zumeist freiberuflich tätig, Schriftsteller, Maler, Komponisten waren freiberufliche Künstler.

JULIA: Das sind sie ja heute auch?

BERND: Ja, aber sie konnten damals in einem viel größerem Maße von ihrer Kunst leben. Ich denke, die DDR hat mehr an Schriftstellern hervorgebracht als die gesamte Bundesrepublik. Das ist natürlich kein qualitativer Maßstab. Aber diesbezüglich schneidet sie auch nicht schlechter ab. Das kann man heute sagen.

JULIA: Und heute braucht man die Kunst nicht mehr?

BERND: Das ist widersprüchlich, natürlich braucht man sie, aber man weiß nicht, dass man sie braucht.

JULIA: Wie schätzt Du das heute ein?

BERND: Wir haben auf der einen Seite den Fakt: Die Kunst ist frei. Das ist sie tatsächlich. Sie kann machen, was sie will. Der Künstler ist frei. Das heißt allerdings real, sie ist dem Markt unterworfen. Auf der anderen Seite braucht die Gesellschaft die Kunst, um sich zu verstehen. Zugleich haben wir noch was Drittes: Dass eine Ästhetisierung wie niemals zuvor stattfindet. Wenn wir an Werbung denken, wenn wir an Bilder denken, wenn wir an Medien denken, dann sind die nicht ohne künstlerische Produkte oder Ergebnisse denkbar. Die Frage ist natürlich, was das uns alles sagt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der pausenlos ästhetisiert wird. In einem Maße, in dem das früher gar nicht der Fall war und auch nicht der Fall sein konnte. Natürlich ist ein Ergebnis davon eine Bekunstung, Verhübschung. Der Kitsch blüht.

JULIA: Du meinst, dass sich die Form der Kunst verändert hat?

BERND: Das auch. Es sind wesentliche Formen dazugekommen. Der Film ist nicht einfach die Fortführung des Theaters mit anderen Mitteln und das Fernsehen ist nicht die Fortführung des Films mit anderen Mitteln, sondern immer dies zwar auch auch, aber vor allem sind neue Möglichkeiten der Entdeckung da. Denken wir an Bilder, überhaupt die Rolle von Bildern. Wir nehmen die Welt darüber wahr. Das macht es natürlich auch schwerer Kunst und Wahrheit zu erkennen. Was unterscheidet heute, wo jeder ein Foto machen kann, auch ein ganz gutes machen, technisch gesehen, was unterscheidet ein solches Foto von einem künstlerischen Produkt? Was ist dann jetzt ein Fotograf, der Künstler ist? Das sind Fragen, die sich damit stellen.

JULIA: Welche Rolle meinst Du dann, müsste das Theater heute übernehmen?

BERND: Auf der einen Seite immer die alte Rolle. Gesellschaftliche Verständigung. Die alte Rolle, die das Theater überhaupt erst geboren hat. Theater bringt Leute zusammen, um etwas gemeinsam zu erleben, gemeinsam darüber nachzudenken, sich damit auseinanderzusetzen. Das tut es seit seiner Erfindung. Es stiftet damit auch Gemeinschaft.

JULIA: Das tut doch auch das Kino, wenn wir gemeinsam dahin gehen?

BERND: Ja, auch. Das andere ist, das man natürlich viele Filme im Fernsehen schauen kann?
Ja, es sind unterschiedliche Bedingungen. Man hat ja gedacht mit dem Fernsehen und großen Fernsehapparaten entfällt das Kino. Zeitweise ging das ins Kino gehen auch zurück, aber das hat heute schon wieder einen anderen Punkt erreicht. Heutzutage geht man wieder ins Kino, weil der Mensch auch ein geselliges Wesen ist. Aber Theater hat natürlich noch eine andere Eigenart, weil Theater immer unmittelbares Spiel ist. Theater ist genaugenommen unwiederholbar. Jede Inszenierung eines Stückes ist ja nicht das Textbuch, sondern eine Interpretation. Und woher die man sich holt, das hat immer mit den Umständen zu tun, in der die Künstler leben. Worauf will er Antworten geben? Man kann jedes Stück so oder so interpretieren. Die Frage, was holt er sich heraus. Warum beschäftigt er sich damit.

JULIA: Offensichtlich gab es doch ein Interesse am Theater in der DDR? Die Leute sind ins Theater gegangen?

BERND: Sie sind sogar mehr ins Theater gegangen, auch gesellschaftliche Schichten, die früher weniger oder gar nicht gegangen sind. Sie konnten sich das eben leisten. Es wurde auch massiv dafür geworben. Es gab so eine Art These, man müsse die Kultur zum Volke bringen. Man kann darüber heute lachen und nicht unbegründet, aber zugleich war es einfach so, dass breitere Bevölkerungskreise als in der vergleichbaren, zeitlich vergleichbaren bürgerlichen Gesellschaft so mit Literatur und Kunst in Verbindung gebracht worden sind. Das ist eindeutig so.

JULIA: Also sind im Grunde alle Schichten ins Theater gegangen?

BERND: Ja.

JULIA: Während heute wieder eher bestimmte Eliten ins Theater gehen?

BERND: Ja, das kann man deutlich so sagen. Die DDR war antielitär. Und das bestimmte natürlich auch die Rolle von Kunst und auch das Selbstbewusstsein von Künstlern selber. Künstler wollten das ja. Sie wollten angenommen sein. Es sind Künstler auch ganz bewusst in die Produktion gegangen, in Arbeit gegangen, um Lebenswelten zu erkunden, die sie selber nicht kannten aus ihrer Arbeit. Das war doch nicht von der Partei allein aufgedrückt, oder so etwas, sondern es war auch ein Bedürfnis.

JULIA: Wieviel kostete denn damals ein Ticket für einen Theaterbesuch in Reick?

BERND: 5 Mark und die Studenten und Ermäßigten 3 Mark. Also das konnte sich jeder leisten. Das galt auch für teurere Karten. Eine Opernkarte konnte man schon für 20 Mark bekommen. Na, was sind denn 20 Mark gewesen? Die blieben schon noch übrig. Es war nicht Nichts. Es war nicht kostenlos, aber es war zu verhältnismäßig guten Konditionen.

JULIA: Was kam ein Kinokarte in der DDR, zum Vergleich?

BERND: So etwa das Gleiche, also auch 5 Mark, eher weniger. Das hing von der Qualität der Kinos ab. In den kleinen Kinos war man für 1 bis 2 Mark dabei. Und es gab dann immer noch den Kulturgroschen dazu. Es kostete also immer den eigentlichen Preis und 10 Pfennige. Diese gingen in den Kulturfond. Und dafür konnte man für Künstler was ausgeben, Projekte finanzieren usw.

JULIA: Aber hat sich das gelohnt? Hat die Kunst soviel erwirtschaftet oder musste der Staat zuschießen?

BERND: Natürlich musste der Staat zuschießen. Die Kunst wurde überhaupt nicht am erwirtschaften gemessen. Diese Frage stand gar nicht. Die stand dann erst vielleicht bei der Unterhaltungskunst, als die großen Häuser gebaut wurden. Gar nicht hat man nicht darauf geguckt, aber im Grunde war es so, dass die Kunst nicht daran gemessen wurde, was sie einspielte. Diesbezüglich war sie tatsächlich frei.

JULIA: Was meintest Du mit Unterhaltungskunst und was habt ihr in Reick gemacht?

BERND: Das war Theater. Das konnte man da oder dazu zählen. Diese Trennung zwischen so genannter ernster und Unterhaltungskunst würde man heute auch nicht mehr aufrecht erhalten. Aber historisch ist es so genannt worden und wirkt noch nach.

JULIA: Will das Volk heute nicht mehr amüsiert werden? Komödie oder Shakespeare läuft irgendwie anscheinend immer? Während es sicher andere gute Stücke gibt, wo niemand hingeht? War das zu DDR Zeiten genauso?

BERND: Bestimmte Dinge laufen immer. Das galt auch früher. Dass Shakespeare so groß ist, hat auch damit zu tun, dass er schon zu seiner Zeit darauf sehen musste, dass die Leute in sein Theater kamen. Natürlich eine Nähe zum so genannten Massengeschmack durchaus hilfreich. Und deshalb war es auch so, dass Unterhaltungskunst, auch sehr schlechte, auch in der DDR gut angekommen ist bei den Leuten. Das ist schon klar. Da gibt es auch ein anderes Bedürfnis, man will sich eben unterhalten lassen, aber Unterhaltung ist nur ein Bedürfnis, das Kunst befriedigen kann. Man soll jetzt nicht überheblich sein und sagen, die einen haben die Unterhaltung und die anderen das Denken zu bedienen. Wenn man das so auseinander dividiert wird es falsch. Gedichte wurden in der DDR auch nicht zu hunderttausenden gedruckt. Die werden weniger und anders gelesen. Das ist einfach so. Aber die Auflagen waren in jedem Fall höher als heute. Natürlich hat jedes Genre eine Spezifik in seiner Wirkungsweise. Es gibt auch Dinge, die werden gemacht, die sind für einen Sommer gut und dann ist das wieder vergessen. Und das ist gut so.

JULIA: Aber der einfache Bäcker wollte auch nicht einfach unterhalten werden, oder?

BERND: Den konkreten Bäcker, der nur unterhalten werden will, den gibt es immer und das ist auch sein Recht. Kunstrezeption verlangt auch schon eine bestimmte Beschäftigung damit. Das passiert nicht von allein und durch ein bisschen Schule. Aber die Frage, ob das in der Gesellschaft was gilt, ob die Gesellschaft Anstrengungen unternimmt, dass das möglich ist, die ist schon wichtig und da denke ich, das ist in der DDR positiv gewesen. Auch wenn das natürlich oft mit Absichten politischer Natur gepaart war, die meist aber nicht aufgingen.

JULIA: Also wurde im Grunde nicht wirklich doktriniert?

BERND: Das Theater kann doch nicht von Dogmen leben und nicht von Doktrinen. Das kann es einfach nicht. Der Mensch kann davon nicht leben. Die Kunst kann davon nicht leben. Dann wäre es wirklich keine. Sie muss ja genau die Widersprüche der Gesellschaft angehen. Sie muss ja aufnehmen, was die Menschen fühlen, empfinden, was sie bewegt, sonst wird sie plagiat. So was gibt es immer mal. Staatsfeierlichkeitskunst oder so.

JULIA: Die gab es auch?

BERND: Natürlich gab es die. Natürlich gab es Kaisergeburtstagsgesänge. Die gibt es in einer komischen Weise heute auch wieder.

JULIA: Ich würde jetzt zeitlich mal zurückgehen wollen. So wieder in die 60er. Das war Deine Studentenzeit?

BERND: Ja.

JULIA: Und da habt Ihr die erste Songgruppe gegründet?

BERND: Es gab ein politisches Umfeld. Das politische Umfeld war ähnlich der Protestsongbewegung im Westen. Die ist aus den USA gekommen mit den politischen Verhältnissen wie sie sich in der Welt entwickelten. Konkret war der Vietnamkrieg wichtig. Das war nicht das einzige, aber das war tatsächlich der wichtigste Auslöser. Und das kam von da. Wir haben also Bob Dylan gehört, wir haben Juan Baez gehört und wir haben angefangen, das nachzumachen. Ganz einfach. Und es kommt immer dazu, dass man das eigene dann dazu gibt. Das man dann selber anfängt.

JULIA: Was hat das mit dem politischen Geschehen zu tun?

BERND: Das die Leute, die uns damals interessiert haben auch in dieser gesamten Antivietnamkriegsbewegung im Westen beteiligt waren. Bis hin zu John Lennon später. Wir waren doch ausnahmslos gegen diesen Krieg. Überhaupt gegen Krieg. Wir waren die Nachkriegsgeneration. Damit hat das zu tun. Ich kann mich an keinen erinnern, bei dem das anders gewesen wäre.

JULIA: Könnte man aber über den Irakkrieg ähnliches sagen heute?

BERND: Ja, nur das ein Unterschied darin besteht, das damals wirklich eine junge Generation, die mit dem zweiten Weltkrieg meist nichts mehr zu tun hatte, bestenfalls Baby gewesen war, nach so und so viel Jahren plötzlich mit einem Krieg diesen Ausmaßes konfrontiert wurde. Es war neu. Das ist der Unterschied.

JULIA: Heißt das, heute haben wir uns schon wieder dran gewöhnt?

BERND: Nein, wir wissen, dass wir in Verhältnissen auf der Welt leben in der dauernd Krieg gemacht wird.

JULIA: Und wie hängt das jetzt konkret mit der Songgruppe und den Liedern die ihr gemacht habt zusammen?

BERND: Dass man erstmal mit Liedern, die mit diesem Thema zu tun hatten anfing. Damit hat man aber kein Programm zusammen, und dann fängt man an noch ein Volkslied dazu zu singen, und dann fängt man an ein eigenes Lied dazu zu schreiben, erstmal auch zu dem Thema. Nach einer Zeit schreibt man auch anderes. Dann geht das einen Schritt weiter. Dann beschäftigt man sich mit dem eigenen Land. Dann beschäftigt man sich mit dem eigenen Studium oder den Verhältnissen unter den wir studiert haben. Dann hat man auch ein Publikum und Studenten haben meist ein studentisches Publikum, vor dem man ankommen will. Anfangs macht man eine kleine Veranstaltung und dann nimmt man das nächste Mal einen größeren Saal und dann sitzen plötzlich Tausende in dem Saal, in dem Hörsaal. So entwickelt sich das.

JULIA: Wie hießt Ihr am Anfang?

BERND: Es waren verschiedene Gruppen. In den 60er Jahren war das anfangs die Folkloregruppe der TU Dresden. Die nannte sich später Gruppe Pasaremos, nach dem Ruf aus dem spanischen Bürgerkrieg. Dann gründeten wir Anfang 70 die Songgruppe, die dann dezidiert Wert darauf legte fast nur eigene Lieder zu schreiben und Programme zu machen. In der Zeit gab es dann dieses Label, den Begriff „DDR Konkret“. Also das hieß, wir wollten über unser Land, über unser Leben in unseren Land was machen. Da waren wir nicht die Einzigen. Das Ganze hatte sich verzahnt. Damals gab es die so genannte Singebewegung. Die FDJ, also die Jugendorganisation, hatte sich das Ganze mehr oder weniger an Land gezogen und damit natürlich auch die Politisierung vorangetrieben. Gleichzeitig wurden damit institutionelle Möglichkeiten geschaffen, zum Beispiel dass man sich auf Werkstätten traf. Dann kam das Festival des politischen Liedes in Berlin dazu, das vom Oktoberklub ausgelöst wurde. Und dieser Klub war ja auch später der Einlader, aber das war natürlich dann ein internationales Festival. Das heißt, man lernte dann auch Sänger und auch Theatergruppen aus anderen Ländern kennen. Wir lernten. Damit entstand eine Art Community, die auch Weltweit war. Wir konnten zwar nicht hinfahren, aber wir haben uns wenigstens getroffen.

JULIA: Das stimmt ja nicht ganz?

BERND: Das stimmt, aber später.

JULIA: Wann war das?

BERND: In der zweiten Hälfte der 70er Jahre und auch fast ausnahmslos nur in dieser Zeit.

JULIA: Und wie ist das möglich gewesen?

BERND: In anderen Ländern fanden auch Festivals statt und dann luden diese Jemanden aus der DDR ein. Auf Dauer konnten sie nicht immer die Gleichen schicken. So einfach war das dann. Wenn so etwas, so eine Bewegung entsteht, wollen woanders andere auch so was machen. Zum Beispiel 76 oder 77 das Festival in Helsinki. Da fuhren wir nach Helsinki. Das war kaum zu glauben. Die wollten uns. Ok, dann fuhren wir also.

JULIA: War es nicht komisch, dadurch ein bisschen privilegiert zu sein, während fast alle Anderen nie dieselbe Möglichkeit bekamen?

BERND: Ja, ganz einfach. Zwei Antworten.

JULIA: Ein schlechtes Gewissen vielleicht?

BERND: Ein schlechtes Gewissen? Das würde ich nicht sagen. Das wäre unehrlich, aber man hat dann gemerkt, dass man auch Gefahr läuft. Die Frage ist, wofür arbeitet, singt, spielt man eigentlich? Wir haben uns bei Schicht dann richtig vorgenommen; wir fahren nur einmal im Jahr. Die Frage ist, ob das dann der Sinn der Sache wird und da gab es andere, bei denen ist das so geworden. Wir wollten zuerst für unser Publikum hier da sein. Natürlich ist jeder ganz gerne gefahren. Das ist ja überhaupt keine Frage. Aber ob man das sozusagen dann in erster Linie anstrebt. Ob man, die zweite wichtige Frage dabei, dort dann was anderes als man zu Hause macht? Das haben wir grundsätzlich nicht gemacht.

JULIA: Was wäre denn was anderes gewesen?

BERND: Na, das man dann quasi ein paar Lieder einstudiert, die so in der Welt rumlaufen und dann macht man das. Wir haben, wenn wir gefahren sind, nur das gemacht was wir hier auch gemacht haben. Und ob das immer jedem angenehm war, ist eine andere Frage. Und wir haben versucht mit unserem Publikum hier darüber zu reden. Und natürlich hat man es irgendwann mal gemerkt, auch in Diskussionen, du redest jetzt über etwas, das kann der andere gar nicht wissen. Man hat es in dieser Weise gemerkt und achtgegeben, dass dieses privilegiert sein nicht einen selber verändert. Man muss sich die Lage bewusst machen. Man kann sich das bewusst vornehmen. Mit diesem seltenen Privileg leben. Ich meine, wir waren ja nicht die Einzigen Künstler, die gefahren sind. Die Staatskapelle ist immer gefahren usw.

JULIA: Ja, aber der normale DDR Bürger konnte das eben nicht?

BERND: Nein, der konnte nicht. Und das war schon auch komisch.

JULIA: Hast du nicht mal gedacht, die Verhältnisse müssten eigentlich anders sein?

BERND: Das hat man zunehmend sowieso gedacht. Dazu bedurfte es aber nicht der Reise in den Westen. Eher haben die Reisen in den Westen mit sich gebracht, dass man gewissermaßen den dann auch nicht so als Glücksland sah. Wenn man das zweite Mal gefahren ist, guckt man anders hin. Und man erfährt auch was, wenn man will. Also, wir sind nicht ins Wunderland gefahren. So eine Auffassung hatten wir nicht. Wir sind eigentlich sogar ganz gerne wieder gekommen.

JULIA: Warum? Was war denn so schön in der DDR?

BERND: Du, pass mal auf! Heimat gilt für alle. Für Linke, wie für andere. Natürlich war die DDR gleichzeitig auch Heimat. Aber was ganz klar zunehmend unsere Meinung war: das Abgrenzung Unsinn ist. Also dass die Mauer weg muss. Dass die eigentlich wie ein Relikt dasteht. Uns selber im Weg steht.

JULIA: Ab wann hat dich das gestört?

BERND: Ende der 70er Jahre auf jeden Fall. Das ging mit anderen Dingen anhand. Man merkte ja, dass es nicht mehr richtig vorwärts geht. Die Losungen wurden immer blödsinniger. Ich sag es jetzt mal so: Damals begann auch eine Distanz von der Politik, wie sie lief. Und eindeutig beginnt das in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, aber nicht etwa durch Westreisen oder so etwas ausgelöst, sondern aufgrund des eigenen sehen, denken. Ich meine, wenn man mal eine Woche woanders gewesen ist, ist man doch die ganzen anderen einundfünfzig Wochen hier gewesen. Man hat hier gearbeitet und hier gelebt.

JULIA: Du hast mir mal gesagt, dass du mit dem Prager Frühling gedacht hast, dass die DDR nicht ewig bestehen wird?

BERND: Ja, das ist richtig, aber das war viel früher. Das Scheitern des Prager Frühlings war nach meiner Meinung das eigentliche Menetekel. Die eigentlich verlorene Chance. Aber es ging ja anschließend noch eine ganze Zeit und irgendwie hat man ja immer nach einer neuen Chance gesucht. Man kann ja nicht mit 20 oder wie alt man gerade war, sagen, das war es jetzt. Das kann überhaupt keiner, der wäre ja blöd. Da hat man versucht anders lang zu denken und es gab ja auch durchaus Zeichen, die wir so gedeutet haben, das es vorwärts ging. Also, in der ersten Hälfte der 70er Jahre: Weltfestspiele, das war ja eine internationale Begegnung, im ganzen großen Stil. Das war nicht nur ein Propagandaunternehmen, wie es heute bezeichnet wird. Es ist einfach das immer wieder so zu sagen, aber es ist falsch. Ja, wir wollten in die Welt, aber mit dem, was wir dachten, hatten usw. Und wir hatten einiges. Es war nicht alles heruntergewirtschaftet. In manchem waren wir besser. Man kann natürlich spätere, gar heutige Verhältnisse nicht einfach zurück übertragen. Das ging damals auch alles noch nicht in der Bundesrepublik, was heute geht. Dazu haben wir andere Zeiten.

JULIA: Mal ein Beispiel?

BERND: Schau, Du weißt, ich war ein Adoptivkind. Da war ich in der DDR schon gleichberechtigt, als die im Westen nicht einmal ohne Testament was erben durften.