Das Jahr geht zu Ende und welche Summe soll man ziehen. Wenn ich darüber nachdenke fange ich an, zu vergleichen. Jedes Jahr hatte seine Höhepunkte und Tiefpunkte und der einst zwanzigjährige ist nicht derselbe, der hier schreibt. So gesehen war man mit dreißig vielleicht am glücklichsten, die Dummheit war besiegt und die Zukunft grenzenlos offen. Alles war da, was der Mensch braucht. Und doch, wenn ich über dieses nun fast vergangene Jahr nachdenke, kommt es mir so vor, als hätte es nie ein besseres gegeben. Ich sehe staunend darauf und sage, es ist selten, dass alles gestimmt hat. Ich gehe freier in das kommende Jahr als ich es Jahre lang getan habe. Wenn dieses Jahr einen Namen tragen könnte, wie es ja bei manchen Völkern Brauch ist, dann würde ich es mein Jahr der Befreiung nennen. Ich habe mich in diesem Jahr befreit: von den bürokratischen Spielregeln der Politik zum einen und von einer ganzen Menge verkrusteten Überlieferungen zum anderen. Ich sehe heute anders hin und höre anders zu als vordem. Ich habe in diesem Jahr zu unterscheiden gelernt zwischen den politischen Freunden, die ich in den letzten zwanzig Jahren hatte und den eigentlichen Freundschaften. Und nur zwei konnten von den ersteren konnten mehr werden als Bekanntschaften der Politik. Aber ich habe neu Menschen kennen gelernt vor allem in der Arbeit an jenem Projekt welches das Jahr bestimmt hat. Das war ein seltenes Glück und wenn ich selbst erstaun bin über die Kraft, mit der ich in diesem Projekt gearbeitet habe, so weiß ich, dass es nur möglich war, weil ich so viel zurück bekam von all denen, die sich dafür einsetzten: mit ihrer Kraft und ihren Fähigkeiten. Ich habe von ihnen lernen können und ich habe seitdem auch jeden Unglauben an die Jüngeren verloren. Sie leben unter anderen Umständen als wir sie damals hatten, aber sie sind nicht weniger wissbegierig und talentiert. Und sie können sich für eine gute Sache engagieren. Vielleicht sind sie sogar klüger, trotz und zugleich wegen dieser Erfahrung, die sie haben, nämlich der, dass ihnen nichts geschenkt wird. Ich habe in diesem Jahr mit mehr Menschen gesprochen als vordem, ich habe mehr Schicksale kennen gelernt und ich bin heute ohne die letzten Vorbehalte, die ich mir trotz meiner alten Liberalität bewahrt hatte. Die Summe daraus ist: Wenn das letzte Dogma sich aufgelöst hat, beginnt Freiheit. Dann erst können wir sehen, was ist. Die Menschen sind spannend, meine Neugier ist unendlich. Und sogar die Liebe ist größer. Im Allgemeinen wie im konkreten. Mehr gehört nicht hierher, aber auch das wäre nicht denkbar ohne sich die Freiheit dazu auch zu nehmen.
Auf meinem Klavinova, auf dem ich manchmal spiele steht ein Bambus in das ein Relief geschnitten ist. Konfutsi oder Laotse oder einfach nur ein Mann in einem Boot. Es war mir ein Lied darauf wert. Vielleicht ist es mein Lied des Jahres, wenn diese Bezeichnungen noch etwas aussagen können. Das Jahr kommt, das Jahr geht. Der Weg ist das Ziel. Und so habe
ich zum Schluss des Jahres eine Reise unternommen. Ich war in Ägypten bei Julia und wir waren in Luxor, Kairo, Assuan. Wir waren in den spärlichen Ruinen der Sonnenstadt des Echnaton und der Nefertari, die wir Nofretete nennen, deren Bilder auf den Wänden ausgekratzt wurden und die doch überdauerten, weil sich nicht alles vergessen lässt. Und immer kommt ein Tag, an dem sich erinnert wird, dass da schon etwas war, an dem sich vielleicht anknüpfen ließe – in und zu welcher Zeit auch immer.