Es mag ja wohl zum Ritual politischer Parteien gehören vor anstehenden Grundentscheidungen noch einmal alles auf die Waagschale zu werfen. Die plötzlich in der Linken ausgebrochene Debatte um den Stalinismus mag zu diesen Ritualen gehören. Oskar Lafontaine hat ein Buch rezensiert welches Teile der PDS-Debatte um den Stalinismus, vorwiegend aus den 90iger Jahren wiedergibt und der Rezensent hat die Linke gewarnt ob des Stalinismus nicht den aufrechten Gang zu verlernen. Darob empörten sich vor allem ehemalige PDS-Politiker die heute Politiker der Linken sind. Auf den sachlichen Punkt gebracht, könnte man die Frage, ob Stalinismus eine Sache der Vergangenheit oder etwa der heutigen kapitalistischen Gegenwart sei als akademisch interessant ansehen, nur, wenn Politiker sich äußern geht es selten um wissenschaftliche Erkenntnis sondern um politische Einflussnahme und Weichenstellungen. Lafontaine, dessen Herrschaftswesen nicht nur in der Karikatur schon als „Bonapartismus“ beschrieben wurde hat unzweifelhaft mit seinem Engagement die Linke geformt und machtpolitisch geprägt. Die Reformsozialisten der PDS haben dies nicht nur geduldet sondern sind den Weg des Erfolgs nach anfänglichem Zögern gern mitgegangen. Sie haben auch keinerlei Einwände erhoben als einige Reformkräfte, vor allem in Sachsen dem Erfolgskurs geopfert wurden indem gegen sie Methoden verwendet wurden die in der Geschichte der ostdeutschen Linken durchaus an spätstalinistische erinnern mögen. Nahezu eilfertig wurden Regeln weder hoffähig, die die PDS seinerzeit im Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit dem Stalinismus verworfen hatte. Regeln und Methoden, die allerdings in anderen Parteien auch anzutreffen sind ohne dass diesen eine Nähe zu Stalin unterstellt werden müsste. Regeln, die schon in früher Kritik des modernen Parteisystems problematisiert wurden. Nun hat und ist jedes Ding auch seine Geschichte und mit der Geschichte des Kommunismus / Sozialismus ist im 20. Jahrhundert ist der Name Stalin und der Begriff des Stalinismus verbunden. Wahrscheinlich unauslöschlich verbunden. Und so mag er Sozialisten immer als Warnschild gelten. Denn der Begriff gehört zuvörderst in die Geschichte der politischen Menschheitsverbrechen. Leichtfertig und auch unredlich allerdings ist es, wenn eine Diskussion darum nun dafür gebraucht wird, um in der Linken Auseinandersetzungen auszutragen, die damit eher verschleiert als beim Namen genannt werden. Die auf Lafontaine Antwortenden bedauern, dass jener die Richtungsentscheidung um das Programm damit wieder aufgemacht habe. Wenn es dem so ist müsste man Lafontaine eher danken. Man müsste dann aber endlich einmal wirklich formulieren worin diese Entscheidung denn bestünde. Ich jedenfalls sehe nicht, dass die Alternative lauten würde Stalinismus oder moderner Sozialismus. Ich glaube nicht, dass es nennenswerte politische Kräfte in der Linken gibt, die im System des Stalinismus auch nur irgendeinen Ansatz für die Zukunft entdecken könnten. Was ich aber sehe ist das hilflose Buchstabieren überholter Rezepte. Wozu also diese angebliche Debatte? Um zu übertünchen, dass es um eine machtpolitische Auseinandersetzung geht angesichts anstehender Wahlen deren Ausgang ungewiss ist? Um vielleicht auch sich selbst davon abzulenken, dass die wirklichen Diskussionen um die Probleme dieser Welt kaum geführt wird, dass der Erkenntnisfortschritt der Linken momentan wenig voran kommt. Dass es keine politische Kultur gibt, die Entdeckungen, Erfahrungsaustausch und Lernen begünstigt. Dass im Grunde die Demokratie in der Partei wieder reduziert ist auf die Würdenträger in Parlamenten und Vorständen. Gleich ob ältere Herren oder jüngere Kader. Aber dies ist nicht nur oder gar zuerst das Erbe Lafontaines sondern vor allem die Schuld derer, die Erkenntnisse aus der Gründungszeit der PDS eilfertig opferten zugunsten des schnellen Erfolges. Vom Erfolg von Schwindel befallen, könnte man ausgerechnet Stalin zitieren. Aber das wäre natürlich infam. Oder?