Die Rückkehr der Barrikade

Irgendwo äußerte der alte Friedrich Engels wohl ein wenig sehnsüchtig. Es sei wohl nun zu Ende mit der Zeit der Barrikaden. Sie seien einfach mit einem Kanonenschuss zu zerstören. Nun aber sei die Zeit des Wahlzettels angebrochen.

Weit mehr als hundert Jahre später ist die Barrikade zurück gekehrt. Tahir, Maidan, Taksim – es wird weitere Namen geben. Noch immer könnte es genügen, einen Kanonenschuss abzugeben, aber wer würde das wagen? Der Schrecken erscheint kalkulierbar. Hautnah erleben wir am TV die Revolutionen. Wir sind vielleicht schon Voyeure. Und wir gehen wie selbstverständlich davon aus, dass alles gut geht, dass das Gute siegt, das Gute und nur das Gute auf den Plätzen der Barrikade steht. Das Gute ist wie Camping plus Fernsehreporter.

(Was tun wir aber, kommen die Panzer doch...)

Revolutionen sind, so meinte jedenfalls der gleiche Engels auch, eine höchst autoritäre Sache. Auch von der Barrikade aus wird manchmal, ja meist geschossen. Meist, ja immer, mit schlechteren Waffen. Aber manchmal mit besseren, weil anderen. Wir können die Graffiti hernach bewundern, wir können sie sogar zu Kunst erklären. Aber im Moment der Besetzung, der Revolte sind sie Waffen. Sie machen Lust auf Kampf, sie nehmen die ernste Sache selbst als Spiel, sie drehen den Göttern und Präsidenten die Nase.

Oder sind das alles nur neuartige Inszenierungen? Manche meinen das: nein, mit Revolutionen habe das nichts zu tun, allenfalls mit Konterrevolution, es seien eher Inszenierungen a la Hollywood oder gar a la Neunzehnhundertdreiunddreißig in Deutschland. Und natürlich laufen heute die Geheimdienste herum wie einst die Clochards. Keinem sei da zu trauen, heißt es. Ja richtig: keinem – aber vielleicht doch allen. Denn eines eint diese: sie sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Eine Notbremse ziehen, meinte Benjamin dazu.

Irgendwer sagte einst: er hasse die Revolution wie die Sünde. Tatsächlich ist sie Sünde: immer. Welche Regeln auch herrschen, die Revolution spielt nicht nach den Regeln. Sie sagt: Es sind eure Regeln. Sie sind es deshalb, weil ihr sie beherrscht und mittels ihnen herrscht. Die Barrikade aber ist wie das Pflücken des Apfels. Vielleicht bekommt uns diese Frucht wirklich nicht, vielleicht wird auch alles nur schlechter, aber wenn wir sie nicht essen werden wir es nie wissen...

Es ist die Stunde der Subversion. Tahir, Maidan, Taksim, es wird noch andere Plätze geben. Und Betrogene wird es geben und Gewinnler. Vielleicht können sich Revolutionen auch verlaufen oder auch nie zu sich kommen. Man sie niederschlagen, kann Plätze mit Panzern räumen, ja, vielleicht kann man sie sogar kaufen. All das besagt aber nur, das sie nötig sind in der Not. Und: dass die Herrschenden ihre Gründe haben, sie zu fürchten, und dass es eigentümlicherweise oftmals gleich ist, ob es sich um einen gewählten Präsidenten handelt oder einen selbsternannten Despoten.

( Was tun wir aber, kommen die Panzer doch: Sie verachten)