Gastkommentar  zum Tode von Ralf Giordano

Das war ein Mann: Kämpferisch und unbeugsam bis zum Lebensende. Viele kennen ihn als bedeutenden Fernsehjournalisten – besonders aber durch das Buch „Die Bertinis“ (1982) und dessen Verfilmung im Jahre 1987. Darin beschreibt er, stark autobiografisch, die Geschichte einer Familie während der NS-Zeit: über Einschränkung, Entrechtung, Leben in Hamburg in der Illegalität bis zur Befreiung. (zitiert nach Gerhard Zwerenz, Spiegel, 2.11.1987)

Auch sein zweites Buch, „Die zweite Schuld oder von der Last, Deutscher zu sein“ (1987) erregte in Westdeutschland großes Aufsehen. Er spricht darin „Die letzten Monate vor Kriegsende vegetierten sie in einem Rattenloch dahin. „Das schwarze Haar der Mutter wurde in kurzer Zeit schlohweiß, so groß war die Angst, den Mördern in die Hände zu geraten. Noch an ihrem Lebensende schreckte die Frau zusammen, wenn es an der Tür klingelte.“ vom großen Frieden mit den NS-Tätern nach 1945“, vom "Geburtsfehler der Bundesrepublik Deutschland", von der "zweiten Schuld" nach der ersten unter Hitler. Auf die Untaten folgte deren Leugnung.

Die Auseinandersetzung mit alten und neuen Nazis und mit Antisemitismus waren die Themen, die ihn bis zum Lebensende bewegten und die er immer wieder in die Öffentlichkeit trug. Er wurde zum schreib- und sprachgewaltigen Mahner in Deutschland.

An Ralph Giordano erinnere ich mich als eines liebenswerten Menschen. Nach einem Vortrag in Köln 1987 kam er auf mich zu und beschimpfte mich auf so unnachahmlich herzliche Art (ein Außenstehender hätte daraus auf einen Antisemiten geschlossen), dass daraus eine langjährige gute Bekanntschaft wurde.

Über die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit kam Ralf Giordano in den 90er Jahren zweimal nach Dresden. In einer der Reden, mit Qualitäten eines Einpersonenstückes, fragte er sich, ob er mit den Dresdnern und den Opfern der Bombardierung von 1945 trauern könne. Er, der Jude, für den jede Bombe auf Hamburg die Befreiung näher brachte. Ja, er könne trauern – denn die Humanitas, wie er sich ausdrückte, ist universell und gilt für alle.

Mich bewegte das Thema, weil mir meine Mutter erzählte, wie sie in London im 2. Weltkrieg durch deutsche Bomben ihre Wohnung verlor. Und wie sie die Zerstörung Dresden begrüßte in der Hoffnung, die Niederlage Nazi-Deutschlands würde dadurch beschleunigt.

Mittrauern mit den Dresdnern bei den alljährlichen Gedenkveranstaltungen? Das Dresden-Thema zeigt den anderen Giordano: Aus dem persönlichen Schicksal heraus engagierte er sich für Menschenrechte überhaupt. Bis zu seinem Lebensende.

Herbert Lappe, 11.12.2014