Kurt Demmler

Einstmals waren wir befreundet. In den Siebzigern, in Leipzig. Später blieben wir gute Bekannte. Gekannt habe ich ihn schon in der Kinderzeit. Unsere Eltern waren befreundet und er wurde mir immer als Beispiel vorgehalten. Das schafft Abstand. Wir trafen uns dann in der Singbewegung wieder. Später in Schwerin bei den Poeten. Auch zu der ersten oder zweiten Werkstattwoche der Jugendmusik. Und in den Siebzigern dann oft privat – bei Klaus Renft zum Beispiel und in seinem Arbeitszimmer.

Ich habe wohl einige seiner Lieder als erster gehört. Das letzte von diesen war: „aber einer ist immer dabei“ – Jahre vor der Premiere als „Antistasiballade“ auf dem Alexanderplatz.

Mehr als zehn Jahre vorher haben wir - damals nach dem 11. September, als sie Allende und seine Unidad Popular stürzten - zusammen etwas organisiert. Im großen Hörsaal in Dresden. Und Kurt sang mir vom „chilenischen Metall“ vor. Tief in der Nacht vor dem Konzert.
Es ist schwer, seinen Tod zu verstehen. Verstehen ist sowieso das falsche Wort. Dass er den Mädchen gern hinterher sang war keinem unbekannt – dass sie ihm jede Bude einrannten, auch nicht. Dass er so darauf fixiert war, dass er jedes andere Thema beenden konnte, wenn da etwas winkte – das war so. Dass es sein Unglück werden würde, wusste keiner. Und natürlich stand in den Liedern, dass es das war: denn die Lieder waren auch Lieder einer immerwährenden Sehnsucht. Vielleicht ist das immer so mit der Poesie. Vielleicht mit der Kunst überhaupt.

Kurt war Poet, im tiefsten Verständnis Lyriker. Er hätte das so nie gesagt. Aber ich mutmaße einmal: Vielleicht also sagt man in 50 Jahren: Kurt Demmler war der größte deutschsprachige Lyriker nach Walter von der Vogelweide.

Ich weiß das jetzt natürlich nicht. Aber wer auch immer jene zehntausend Lieder lesen, hören, durchforsten wird: Wenn die Magisterarbeiten und Dissertationen geschrieben werden – dann wird man fragen, was er jenem Ton hinzufügte, den der Dichter mit der Leier zuerst anschlug. Der Maßstab wird allemal ein größerer sein, als der Maßstab DDR. Diesbezüglich ist ja schon jetzt alles klar: Er war der Beste hier – und wenn man sich nüchtern die Szene drüben ansieht – dann ist es schon so: Er war der Beste hüben und drüben. Nichts gegen Lindenberg oder Westernhagen oder Grönemeier – aber sie alle wiegen ihn nicht auf. Es mag schon sein, dass es auch an der besonderen Situation hierzulande lag, dass hier der Poet gefragt war, dass er so die Zensur leichter nasführen konnte. Ja, aber das ist ja immer so, dass der Dichter nur in seiner Zeit singt. Schlechte Zeiten sind für die Kunst manchmal grade gut.

Natürlich war Kurt ein politischer Mensch. Und er wusste, wie es „nach der Schlacht“ ist. Geld hat genug gehabt, er war sogar ausgesprochen geizig. Aber gearbeitet hat er nicht wirklich dafür. Was auch immer mit ihm nach der Wende geschehen ist – auch da war er kein Einzelfall. Dass er so aus dem Leben kam, irgendwie zwischen Scham und Schande, bedrückt. Die Stimme der Missbrauchten ist unüberhörbar. Doch die Lieder macht es nicht kleiner. Das Verlangen, dass der Künstler so sein müsse wie seine Kunst, stellt sich wieder einmal als das Phantom der Oper heraus. Villon war ein Mörder. Ändert das etwas an seinen Texten?