Wäre die Welt ohne Religionen friedlicher?

Kaum hatte ich via Facebook mitgeteilt, worauf ich vorbereite, schon kamen die ersten Empfehlungen meiner Freunde: „Die Frage ist schon fragwürdig.“ „ Die Welt hat Religionen und nun fragt doch: warum? Wozu sie verwendet und missbraucht werden, ist eine andere Frage. Sie berührt nicht ihre Existenz.“ Im Prinzip stimme ich dem zu. Nur: ihre Existenz berührt es auch, schon deshalb, weil es unser aller Existenz betrifft. Und plötzlich wird die Frage spannend …

I

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 setzte der US-Radiokonzern Clear Channel Communications den folgenden Song auf eine Liste von 166 Liedern, die „textlich fragwürdig“ seien und vorerst nicht mehr gesendet werden sollten.

 

Stell' dir vor es gibt keinen Himmel
Es ist leicht, wenn du es versuchst
Unter uns ist keine Hölle
Über uns allein das Firmament
Stell dir vor: all die Leute
leben für das heute

Sie kennen den Song: „Imagine“ von John Lennon. Und sie wissen auch, wie es weitergeht. Die Vision folgt

Stell' dir vor es gibt keinen Besitz
Ich frag' mich, ob du das kannst
Keinen Grund für Gier oder Hunger
Eine Bruderschaft der Menschen
Stell' dir all die Leute vor
Die sich die ganze Welt teilen

Ich gehöre zur Generation „Imagine“. Der Song wurde im September 1971 auf gleichnamigen Album veröffentlicht und die eingangs gestellte Frage hätte ich damals vor einem halben Jahrhundert so beantwortet: Natürlich wäre sie friedlicher. Und dann hätte ich mir diese Welt genauso vorgestellt… Und ich wäre nicht in schlechter Gesellschaft gewesen.

„Alle Menschen werden Brüder“, verdichtete schon Friedrich Schiller seinen Traum. Stellen wir sie uns einmal vor, diese Bruderschaft von Menschen, die sich die ganze Welt teilen. Brüderlich, schwesterlich. Eine friedliche Welt. Wer hätte sie nicht gern so?
Wunderbar.

Ich stutze ein wenig: Kann es sein, dass dieser kaum religiös klingende Satz zum guten Ende selbst wieder einen religiösen Sinn macht. Alle Menschen werden Brüder – ist das nun Glaube, Hoffnung, Wissen? Und wenn ich die folgende Strophe dazu nehme:

Seit umschlungen, Millionen
Diesen Kuss der ganzen Welt
Brüder, unterm Himmelszelt
Muss ein sanfter Vater wohnen.

Dann, verstehe ich Schiller recht, dann wäre hier die Bedingung für diese Bruderschaft aller genannt: Der gemeinsame Vater, der gemeinsame Gott. Er erscheint als Unterpfand der gemeinsamen Idee von einer Menschenbruderschaft.
Oder hat Schiller es anders gemeint: wenn wir Brüder werden, dann muss doch ein Gott sein…ein gemeinsamer, ein sanfter Vater. Also: wir müssen uns unserer Gemeinsamkeit erinnern…des gemeinsamen Vaters…oder der gemeinsamen Mutter…

(Ja, genau das tun wir, wenn wir Beethovens Komposition vernehmen.
Hören wir zu. Wir fühlen es. Was ist das. Was für ein glücklicher Zustand…
Die Ode von der einen Menschheit? So zuletzt erlebt am 3. September 2015 beim ersten „Interreligiösen Friedenskonzert“ in der Dresdner Kreuzkirche.)

Aber was, wenn wir nicht den gleichen Gott oder „Vater“ haben?
Oder, selbst wenn er der Gleiche ist, doch vermeinen, uns beträchtlich zu unterscheiden. Und zu scheiden. Danach, wer mehr glaubt und wer weniger – oder wer richtig glaubt und wer falsch glaubt.

Also in die Besseren und die Schlechteren. Die Orthodoxen, also Rechtgläubigen und die Katholischen, also auch Rechtgläubigen.

Und so scheiden wir uns in dieser Welt: in die Gläubigen und die Ungläubigen. In die Christen und die Muslime, in uns und die anderen: die jeweiligen Heiden, die Götzendiener usw. Die Bibel ist voll davon – der Koran auch. Aber selbst Buddha, bei dem nichts zu finden ist, was auf Krieg verweist, machte nicht alle seiner Anhänger friedlich. Mitnichten.
(Die Kreuzung von Budhismus und Shintoismus war eine Grundlage für den japanischen Militarismus.)

Nun, die Frage ob die Welt friedlicher wäre ohne Religionen ist für mich der Frage ähnlich, ob die Erde nicht friedlicher wäre ohne die Menschheit? Nur: ein Kirchhoffrieden ist ja nicht der Frieden, den ich meine.

II

Die Geschichte ist eine Geschichte von Kriegen. Karl Marx nannte den Krieg einmal die erste Arbeit. Wahrscheinlich war das so, gleich nach dem Verlassen des Paradieses, als wir sesshaft wurden und es etwas zu holen gab von denen, die sich schon etwas erarbeitet hatten im Schweiße ihres Angesichtes: Bei den anderen. Der Krieg beginnt immer damit, dass etwas zu holen ist. Aber so schnöde und profane Gründe für den Krieg sind nicht jedem erträglich. Es gibt vermeintlich „bessere“, hehre Gründe. Es siegen die besseren Menschen, und die jeweils besseren Götter. So gesehen, waren Kriege oft auch Religionskriege. Selbst dann, wenn Religion dabei nebensächlich war, es schien allen Beteiligten wichtig, Gottes Segen auf sich zu ziehen und den Fluch auf den Gegner zu lenken. So funktioniert Politik noch heute.

Dagegen steht:
Seelig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen (Matthäus 5.9)
„Friede auf Erden. Allen Menschen, die guten Willens sind“. Die Weihnachtsbotschaft (Lukas 2.14)

Spätestens Weihnachten erinnert sich die Christenheit an diese Botschaft. Aber dieser Papst Urban II. , an jenem 27. November 1095, als er die Christenheit zum heiligen Krieg aufrief, hatte sie wohl überhört – oder eben nur für die bestimmt, die in seinem Sinne guten Willens waren, seine Christen. (so wie es manche Übersetzungen auch sagen, bei den Menschen seines Wohlgefallens) Die Juden gehörten nicht dazu , obwohl sie sich mit stattlichen Summen an der Ausstattung der Kreuzfahrer betätigten, und die christlichen Byzantiner wohl auch nicht – obwohl sie ihn gerufen hatten.…Also schlugen die heiligen Krieger erst einmal auch zuhause in Trier und Köln Juden tot, dann versuchten sie sich an Byzanz Eroberung, was ihnen hundert Jahre später sogar gelang , und dann kamen sie ins Heilige Land, welches von Muslimen beherrscht wurde. 1099 erobert das Kreuzfahrerheer Jerusalem und nimmt die Stadt ein. Es folgt ein Blutbad: Zahlreiche muslimische und jüdische Bewohner, darunter auch Kinder und Frauen, werden von den Kreuzrittern niedergemetzelt. Die nächsten zweihundert Jahre herrscht Krieg, Religionskrieg.

Bis heute mit politischen Folgen, noch heute wird diese in den Schullehrbücher im Nahen Osten als die erste Untat des Westens beschrieben. Allerdings: die Muslime hatten Palästina ja auch erst erobert – und das in gewaltigen Feldzügen. Schon Mohamed hatte damit begonnen. Aber nach seinem Tod ging es richtig los. Das Kalifat wurde zum Weltreich…Bis die Mongolen es stoppten. Und dann selbst den Islam übernahmen und nach Indien aufbrachen. (Das steht so nicht in diesen Schulbüchern)

Aber trägt nicht gerade der Islam schon in seiner Sprachwurzel die Bedeutung Frieden in sich? Die drei Konsonanten SLM . Salam – islam. Durch Hingabe an Gott, Frieden finden: Frieden mit sich selbst, seinen Mitmenschen und mit der gesamten Schöpfung…

(Salam a Laikum: „Friede sei mit euch“ grüßte Mohammed nicht nur die Muslime so. Als ein Gefährte ihn fragte, was am Islam das beste sei, antwortete er: „Das du die Armen speist und den Friedensgruß entbietest dem, den du kennst und dem, den du nicht kennst“ Und der Koran sagt in Sure 2.256: Es sei kein Zwang im Glauben..

Nun, aber die andere Seite ist auch im vertreten im heiligen Buch…“..so erschlaget die Götzendiener wo ihr sie findet, und packt sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf….Sure 9.5.

Ich stelle einfach fest: Solange Religionen und ihre Institutionen keine oder nur wenig Macht haben, sind sie friedlich. Kommen sie aber zu Macht, ist der Frieden gefährdet. „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert, soll Jesus gesagt haben. (Math.: 10.34) Hat er das? Wahrscheinlich nicht. Jesus selbst hatte keine Macht. Allerdings hat er dann die Händler aus dem Tempel geworfen. Völlig friedlich kann dies auch nicht verlaufen sein. Aber ansonsten: „Stecke dein Schwert ein, denn wer zum Schwert greift wird durch das Schwert umkommen“, heißt es bei (Johannes 18.11) Nun, vielleicht war das nur klug angesichts der starken römischen Polizeitruppe… (Wenn wir so heran gehen, werden wir nicht viel erreichen, wir schieben den Schwarzen Peter nur hin und her)

Also das mit dem „Schwert “ hat er vielleicht gar nicht so gemeint. Auch wenn er sogar rät, eines zu kaufen (Lukas 22.36) Nehmen wir das einmal an. Aber irgendjemand hat dann doch vernommen, oder glaubte, ihn vernommen zu haben. Spätestens der Kaiser Konstantin, als er das Zeichen des Kreuzes auf seine Fahnen heftete. Auf, auf in die Schlacht. Damit begann das Staatschristentum und das war nicht mehr friedlich. Im Gegenteil: mit dem Kreuz auf den Schilden ward die Schlacht gewonnen. Und nicht nur diese.

Es brauchte keine dreihundert Jahre und der Pazifismus verschwand aus der Kirche. Im Islam ging das, sechshundert Jahre später, viel, viel schneller. Zwischen der Vertreibung Mohammeds und seiner Anhänger aus Mekka und der Eroberung Mekkas lagen wenige Jahre. (Der Sure 2. 256, es sei kein Zwang im Glauben, der religiösen Toleranz, widerspricht Sure 9.5., die da lautet: erschlaget alle Götzendiener wo ihr sie findet. Nach der Eroberung von Mekka wurden die alten Götter zerschlagen. Was übrig blieb war der blanke Meteorit. Im nunmehr gereinigten Haus: der Kaba.
Und: das eine Buch, der Koran, dessen weitere Verbreitung mit dem Schwert erfolgte. Wobei wenigstens die Besitzer weiterer Bücher freundlicher behandelt wurden als die Götzendiener… als immerhin Schutzbefohlene. Aber erobert ist erobert.)

(Erobert mittels Dschihad. Dem angeblich heiligen Krieg. Wobei der Dschihad gar nicht Synonym ist für Krieg (arab.: harb), sondern für Anstrengung, Kampf gegen die eigenen Unzulänglichkeiten. Also Kampf für lauter vernünftige Sachen eigentlich. Aber dann doch, als kleiner Dschihad: der Krieg. Und nur zur Verkündung des Rechten Glaubens… )

(Wie hieß das früher: Von den gerechten und den ungerechten Kriegen…..Man kann alles rechtfertigen…)

(„Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten ‘ äußerte der byzantinische Kaiser Manuel II. Palaiologos (1350–1425) in einer Unterhaltung mit einem persischen Gelehrten)

(Papst Benedikt der XIV. war sicher nicht gut beraten, als er dies am 12. September 2006 in seiner Rede an der Universität Regensburg zitierte. Nicht nur, weil es sachlich so einfach nicht stimmig ist…)

 

III

Sie kennen sicher die Gretchenfrage: wie hast du’s mit der Religion?
(Margarete: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.
Faust: Lass das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ‘ ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.
Margarete: Das ist nicht recht, man muss dran glauben.
Faust: Muss man?)
Margarete meint, man muss dran glauben. Faust drückt sich um eine Antwort herum. Er fragt zurück: Muss man? Immerhin hat er den Teufelspakt unterschrieben. Er sagt trotzdem auch nicht einfach nein. Ausgang des 18. Jahrhunderts, voll im Zeitalter der Aufklärung, hätte Faust durchaus fragen können: Wie hältst du es mit der Wissenschaft? Ja, der Faust hält es eher mit dieser. Aber Gretchen doch wohl nicht. Oder?. Die Wissenschaft interessiert jedenfalls die um ihr Seelenheil Bangenden weniger als die Frage nach Religion, nach Erlösung, denn

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“

Natürlich kann ich mir diesen Satz von Karl Marx nicht verkneifen. Religion tröstet uns. Und des Trostes bedürfen wir irgendwann alle. Aber das behauptete schon Boethius über die Philosophie…Nun, auch diese ist ab und an die Schwester der Religion… Aber wir wollen ja hier keine atheistischen Argumente herbei suchen. Im Gegenteil: Ich frage:

Was spricht eigentlich für oder gegen Religion? Zivilisiert sie uns? Macht sie uns besser? Ja und nein. Sie bindet uns. Das ist sicher. An Worte zum Beispiel, an Gebote. Auch an Rituale. Und sie gelten immer für die, die des rechten Glaubens sind. Du sollst nicht töten: das Gebot gilt natürlich nur für Gottes eigene Volk. Vorerst jedenfalls. Das ist ein Fortschritt gegenüber dem Aug um Aug – Zahn um Zahn.
Das ist nichts, angesichts der Menschheit, für die das nicht gilt. Und doch steht es seit dem Moment seiner Verkündung in der Welt…

Aber es ist eben nicht nichts, wenn wir die Alternative dazu bedenken. Zum Beispiel: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, schrieb Paul Celan in seinem gewaltigen Gedicht über die Schoah. Nicht nur aus Deutschland, kann man sagen, wenn wir allein an die Genozide des letzten Jahrhunderts denken. Der Genozid spricht irgendwie doch für Gott. Für seine Notwendigkeit. Oder nicht? Zuerst spricht er aber über Menschen. Genauer: über Menschen die töten und andere, die getötet werden.

Wie man auch immer zu Gott stehen mag: Selbst die Wut darüber, dass er die Shoah zugelassen habe, tröstet uns nicht. Und wenn überhaupt etwas tröstet, dann ist es eine winzige Hoffnung, dass dieser Mord der letzte wäre, dass die Menschheit lernen könne. Und selbst, wenn wir wissen oder auch nur ahnen, dass dies mehr ein frommer Wunsch ist, statt handfeste Gewissheit. Schon, dass wir es wollen macht uns ein wenig anders. Einen Moment lang scheint es dann so zu sein: Und Friede auf Erden. Aber nur einen Moment. Dann ist wieder Krieg. Noch immer.

Vordem war es freilich nicht besser. Allein damals, als die Europäer die Neue Welt entdeckten brachten sie erst einmal Millionen Menschen um. Man schätzt die Zahl über Zwanzig… Das hat der Bischoff von Yucatan, las Casas deutlich beschrieben. Alle Ehre der Welt für diesen Mann und seinen Mut zur Wahrheit und dazu, sie vorzutragen dem allerchristlichsten König Karl dem V. Also dieser Las Casas hat das Gebot ernst genommen: Für alle. Und das ist der wichtigste Schritt, der je gemacht wurde.

(Dass wir Menschen uns nicht zu viel einbilden: wir sind zu allem fähig. Negativ gesprochen. Und vielleicht kann das Wissen darum uns zu etwas befähigen: die Welt friedlicher zu machen, was aber nicht heißen soll, dass sie friedlich ist. Nein, das ist sie nicht. Die Decke ist dünn. Wir sind morgen acht Milliarden Menschen auf dem Globus. Und übermorgen? Wir gehen uns nicht nur auf den Geist…wenn…Wenn wir nicht miteinander sprechen.)

IV

Sie merken, ich habe unter der Hand das Thema gewechselt. Es lautete: Wäre die Welt ohne Religionen friedlicher? Ich weiß das nicht. Ich glaube das nicht. Ich ändere das Thema: Wird die Welt ohne und mit Religionen friedlicher? Wie wird die Welt friedlicher?
Nehmen wir einmal an, es gibt keinen Himmel. Dann, ich bin wieder bei dem John Lennon-Text, und bei seiner Frage

„Stell' dir vor es gibt keinen Besitz
Ich frag' mich, ob du das kannst
Keinen Grund für Gier oder Hunger“
 
Und wir sind wieder bei der alten Utopie: Einer Welt ohne Besitz…. „ und sie hatten alles gemeinsam“ (Apostelgeschichte 4.32) Wenn es keinen Grund für die Gier gibt und keinen Hunger, dann … Können wir uns das vorstellen? Eine friedliche Welt. Alle Menschen sind Schwester und Brüder. Und wie soll das gehen?

„Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen…Jesaja 65. 17
Wolf und Lamm sollen weiden zugleich, der Löwe wird Stroh essen wie ein Rind… (65.25)“

Nun, so einfach wird das nicht werden. Aber wer hat denn gesagt, dass dies einfach sei?
Wir sind ja schließlich nicht Gott…

Fragen wir uns: Was bindet uns (außerhalb der Religion, mit oder ohne Religion, nach der Religion), was bindet uns, was macht uns zur Gesellschaft, was macht uns Menschen zu gesellschaftlichen Wesen? Ja: Wie wird die Welt friedlicher: Worauf können wir bauen? Trotz unserer Instinkte, trotz der Chemie, der Amygdala und dem doch sehr unfreien Willen. Das wäre die Frage der Fragen. Und, nehmen wir einmal an, den Hunger können wir beseitigen, was aber wäre mit der Gier…?

Worauf bauen?

Mit einem Satz ließe sich schnell antworten: Auf die Reichtümer und das Erbe der Zivilisation, von den griechischen antiken Philosophen, über die Renaissance bis zu den heutigen Kunstschaffenden, das unter anderem die Menschenrechte geboren hat... Das ist es jedenfalls, was der Westen einzubringen hätte. Seine Werte, wie man gern sagt. Wir müssen sie nur aufrecht halten und weiter vermitteln. Den Neuen, Jungen, hier oder anderswo geborenen. Und sie selber wieder und wieder verstehen, wenigstens uns der Anstrengung aussetzen. Fragen: Wer sind wir. Was wollen wir?
Die Erkenntnis gewinnen, dass die jeweils anderen keine Barbaren sind, sondern MENSCHEN. Mehr braucht es nicht. Mit weniger geht es nicht. Genau genommen ist es dieselbe Erklärung mit der wir einst den einen Gott bemüht oder auch erfunden hatten. Um uns selber zu begreifen, zu verstehen. Manchmal führt der Umweg zum Ziel…

Es ist die Erkenntnis, die Alexander von Mazedonien machte, nachdem er die halbe Welt erobert hatte. Sie haben ja Zivilisation, erkannte er staunend, nachdem er noch Persepolis in Asche gelegt hatte. Aus Rache oder weil er zu betrunken war. Begriff er jäh, was er zerstört hatte. Dass er der Barbar war?

Stellt wir uns einmal vor, er müsste heutzutage montags auf dem Dresdner Markt erklären, warum er sie dekretiert hatte; die Hochzeiten von Susa. Die Vermischung der Völker…

Wüssten wir überhaupt, wovon er denn spräche – hier in der sächsischen Provinz. In der Kulturstadt Dresden. Die synkretische Welt des Hellenismus. Würden wir diese aushalten? Diese bunte Welt. Dieses Nebeneinander von Verschiedenem, friedlich und frei. Den Lärm der Basare. Das Sprachengewirr von Babel. Von Parallelgesellschaften?

Aber ja. Wie sollten sie denn sonst friedlich existieren auf diesem kleinen Planeten als parallel zueinander. Und wie? Wir brauchen wohl eine Erziehung zum Frieden. Und nicht nur nach den Kriegen – wenn möglich vordem. Denn die Wirkung der Kriege beginnt in der dritten Generation merklich nachzulassen, wie wir derzeit erfahren müssen.
Mein Punkt, auf diesen will ich hinaus:
Auf die Erziehung zu einer Idee: Vom Frieden der Menschen und Völker.
Die sehr einfache Idee, dass wir alle zusammen das sind, was wir heute den „homo sapiens“ nennen.
Den weisen Menschen. Selbst dann, wenn er dumm ist.

Nein, solche Erkenntnisse waren den spanischen Eroberern nicht gekommen, weder in Mexiko noch in Peru.

Der allerchristlichste König Karl ließ sich immerhin ein wenig belehren, dass man nicht alle Indianer totschlagen dürfe konnte Las Casas ihm beibringen. Anerkenntnis einer Kultur? Gar auf Augenhöhe? Fehlanzeige. Eine Unmöglichkeit. Damals.

(Freilich hatte der Osten dazu sein Pendent. Als die Herrscher von China, besorgt über die Bedrohung ihrer Macht durch Kaufleute, im Jahr 1430 Hochseereisen untersagten, und so die Verbindungen zum Rest der Welt kappten, waren sie davon überzeugt, dass alle anderen Barbaren seien und es sich nicht lohne, sich weiterhin um den Rest zu kümmern. Das Ergebnis war für China der Stillstand. Für Europa der Aufstieg aus einem Zipfel, der an Asien hing zur Weltmacht, ein Aufstieg, der sonst niemals so stattgefunden hätte. Ausgerechnet Britannien – die Römer hatten es seinerzeit als Barbarenland aufgegeben. Wozu das zivilisieren…)

(Was ist die Lehre daraus: abkapseln macht ohnmächtig…So oder so!)

V

Wollen wir die Erde zu einer friedlichen machen, dann braucht es die Religionen dafür.
Denn sie sind da. Die Welt wird also weder ohne noch gegen die Religionen friedlicher. Schon aus einem einfachen Grund. Die Mehrzahl der Menschen fühlt sich Religionen zugehörig. Dann sollten wir zuerst die Religionen friedlicher machen. Da ist noch Luft, könnte man einmal lax sagen. Das Christentum hat die Bergpredigt, … die Muslime haben die Sprüche des Propheten

Die Atheisten haben die Kritik des Himmels (welche aber die Kritik der Waffen auch nicht ersetzen kann, wie Marx meinte), die, wie aber ich meine, gefälligst wegzulassen sei…

Und wir alle? Was haben wir? Die Menschenrechte.

Wir sind alle zum Erfolg verdammt.
Eines ist unabdingbar für alle. Wir müssen uns als einander gleichwertig anerkennen. Ganz gleich, was wir von uns selber halten und warum. Selbst dann, wenn wir die jeweils Allerbesseren wären. Und wer glaubt das nicht von sich. Selbst dann. Denn auch die Religionen werden sich nur dann begegnen können, wenn sie ihre eigene Botschaft nicht gegen die andere Botschaft verkünden.

Die Menschenrechte. Sie sind die säkulare Botschaft seit 1792. Auch sie sind nicht unangreifbar (Acht Staaten hatten sich damals 1948 in der UN enthalten.) Aber sie sind zugleich die Bedingung, unter der auch die Religionen die Welt friedlicher machen können. Das Erste Gebot muss dafür nicht einmal außer Kraft gesetzt werden. Nur der Alleinvertretungsanspruch ein wenig gelockert. Wie hört sich das an? Kann man den Satz voran stellen?

Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.

Man muss. Wir alle müssen lernen, den eigenen Himmel nicht für den einzigen zu halten und den Himmel der anderen anzuerkennen. Nicht durch Hass und Kampf wird die Feindschaft beendet, sondern durch Hasslosigkeit und den Willen zum Frieden. Oder, wie mir dann eine andere Freundin bei Facebook schrieb: „Das, was wir selbst machen, sind unsere eigenen Paradiese oder eben Höllen.“

Zum Schluss sei ein Spruch aus dem Dhammapada , den Sprüchen Budhas zitiert:

(Man hat beschimpft mich und geschlagen,
hat mich beraubt, tat mir Gewalt -
Wen solcherlei Gedanken plagen,
gebietet nie der Feindschaft halt.

Man hat beschimpft mich und geschlagen,
hat mich beraubt, tat mir Gewalt -
Die solches Denken sich versagen,
für sie erstirbt die Feindschaft bald.)

Der Feindschaft kann im Weltenlauf
Durch Feindschaft man kein End' bereiten:

Nichtfeindschaft nur hebt Feindschaft auf,
die Wahrheit gilt für alle Zeiten.

(P.S.: Am eingangs erwähnten Lied ist nichts zu streichen. Opportunismus lohnt nicht und wird sich nicht lohnen. Selbstverständlich gilt es auch den Atheismus auszuhalten. Auch das gehört zum Frieden.)

Der Beitrag wurde gekürzt gehalten. Die gekürzten Stellen sind in Klammern vermerkt.

Bernd Rump