Stalin ist schuld – oder so ähnlich...

für Lev Berinskii

Ich müsse, so Detlev H. in seiner unbeschreiblichen Art etwas zu bewirken, ich müsse natürlich nichts zu einem Buffett beitragen. Er verstünde schon, dass ich zum kochen nicht tauglich sei, schließlich kenne er mich seit vielen Jahren und ich sei ihm wahrhaftig niemals als Koch aufgefallen oder auch nur als etwas, was in der Nähe dieser Bezeichnung läge. Er verstünde, es sei halt nicht mein Ding, und ich müsse ja auch gar nichts hier beisteuern, es sei denn , ich hätte Lust, dem Jubilar, wobei das Jubiläum ja schon wieder fünf, sechs Tage zurück läge, also, es könne ja sein, dass ich etwas erzählen wollte, zum Beispiel darüber wie oder auch wieso ich, also ein Bernd Rump den Jubilar, also Lev Berinski kennengelernt hätte. Das würde mir ja nicht schwerfallen, also ich solle einmal nachdenken darüber, es sei kein Muss aber so ganz freiwillig sei es auch nicht. Und ich könne ja auch später kommen, weil ich einwandte an diesem Tag schon einen Termin zu haben, ja ich könne auch später kommen. Ja, murmelte ich in Ermanglung einer erklärbaren Alternative. Wenn du meinst. Aber du weißt nicht, worauf du dich da einlässt.

 

Ich muss jetzt einmal kurz voran schicken, das L.B, am 6. April 1939 geboren wurde, während B.R., also ich, erst reichliche acht Jahre später auf die Welt kam. Wir könnten uns also nicht zu unserer Geburt begegnet sein, und ganz sicher auch nicht in dem Jahrzehnt danach, weil L.B. Geburtsort kurz nach der Geburt im Sowjetparadies lag, während Dresden, meine, also B.R. Geburtsstadt zwar vom Sowjetreich besetzt war, aber nicht zu dem direkteren Paradis gehörte. Ursprünglich hatte auch Levs Ort nicht dazu gehört, aber der Genosse Stalin hatte in seiner Gnade 1939 beschlossen, diesen Ort in sein Paradies aufzunehmen: in das Paradies der Werktätigen. Und damit beginnt, so erkannte und bekenne ich jäh, damit beginnt das Problem. Wie kommen diese beiden nun zusammen?

Nun, das Problem wiederum bestehet in einer Reihe von Schritten, die einfach dem einen Schritt folgten. Man denkt sich nichts dabei, wenn man in einer ordentlichen Uniform mit weit ausladenden Schritten über eine Brücke von einem Land in ein bis dahin noch anderes marschiert. Man kann einfach nicht an alle Schritte denken, die dem ersten so folgen. Das gilt übrigens immer – und gar niemand kann, wenn er eben nicht das einzige Genie ist, das in einem Jahrtausend etwa einmal auf die Welt kommt, also gar niemand kann absehen was da folgt auf den einen Schritt. L.B. heiratete zum Beispiel Jahre später Marina, die Tochter eines Oberst der zur Befreiung dort voran geschritten war. Das wäre ohne diesen ersten Schritt wahrscheinlich nicht geschehen. Aber wir wollen es ja auch nicht unbedingt dem Vater der Völker zurechnen, wenn das Leben doch ein bisschen schön wird...nicht wahr...

Aber zurück: Der Vater der Völker, also der Genosse Stalin hatte in seiner Weisheit den künftigen Genossen L.B. befreit. Aber hatte natürlich viel mehr bewirkt, als er eigentlich vorhatte. Das ist nämlich immer bei bedeutenden Menschen so. Er hatte zum Beispiel ganz gleichzeitig, wenig hundert Kilometer westlich auch eine damals noch sehr junge (und unglaublich schöne) Frau befreit. Während ein paar Panzer der roten Armee auf deren Stadt zurollten packte diese nämlich ihr Bündel, umarmte noch einmal die Familie und ging dann den schmalen Weg hinunter über den Bahndamm zum Bahnhof und machte, dass sie einen der letzten Züge von Czernowitz nach Jassy bestieg. Mit diesem Zug fuhr sie noch einmal an ihrem Haus vorbei winkte noch einmal und sah diesen Ort niemals wieder. Sie floh vor den Russen, also dem Befreiern. Und keiner weiß damals, wozu es gut war, wir aber wissen heute ein wenig mehr.

An dieser Stelle , also neben dem gerade benannten Bahndamm, stand etwa siebzig Jahre später ein gewisser B.R. Mit einem Foto in der Hand und sagte zu seinem mitgefahrenen Freund, der gerade noch rechtzeitig einem riesigen Schlagloch entgangen war,: ich glaube, hier ist es. Sie waren vorher am Bahnhof gewesen, welcher seine ordentliche österreichische Abkunft kaum verleugnen konnte: Dieser stand jedenfalls in etwa genauso da, wie damals, als die beschriebene junge Frau dort in den Zug eingestiegen war: in den Zug nach Jassy, wie sie immer gesagt hatte. Und eben dieses war plötzlich dem B.R. ,also mir, eingefallen und sie hatten dann diese Strecke abgesucht bis zu dem schon erwähnten Schlagloch. Dieser B.R. war aber erst einmal auf den Bahnsteig gegangen, auf dem fast niemand war und hatte dort laut und vernehmlich gerufen: Brunhilde, jetzt stehe ich hier und hole dich ab. Natürlich war sie, also Brunhilde nicht da und er wußte das auch, weil sie ein Jahr vorher gestorben war, aber sie hatte ihn in ihren letzten Wochen mehrfach telefonisch angerufen und ihm gesagt, er solle sie doch bitte abholen, in Czernowitz am Bahnhof. Sie stünde mit einer schweren Tasche da und sie könne diese unmöglich schleppen, also würde sie warten. Und er solle sich doch beeilen. Und es war ganz unmöglich, ihr zu erklären, dass er jetzt gar nicht nach Czernowitz fahren könne und sie auch auch gar nicht dort sei, sondern im Pflegeheim im grünen Herz Deutschlands – und er könne da auch nicht laufend rumkommen. Ich weiß nicht, ob sie es ihm geglaubt hat, aber jedenfalls rief sie bald wieder an: Er sollte doch kommen, sie stünde doch noch immer da in Czernowitz am Bahnhof. Und sie habe auch kein Geld für die Kutsche.

Brunhilde, rief er also noch einmal, jetzt bin ich hier und ich weiß genau, dass du da bist. Du musst dich auch nicht melden. Ich habe dein Haus gefunden, leider war niemand da – und ich finde es einfach richtig, dass du das Testament kurz vor deinem Tod noch verbrannt hast. Damit muss ich nicht auf dumme Gedanken kommen wegen dem Haus oder so. Und überhaupt ist doch alles immer besser wie es ist, als wenn es so wäre, wie wir nicht wissen, wie es denn gewesen wäre...Oder?

Oder haben wir etwa zwei, drei Leben nebeneinander und können so einfach wechseln: in das oder jenes oder auch noch ein ganz anderes... ich weiß nicht. Aber was ich ganz sicher weiß, ist, dass es die unglaublichsten Verkettungen gibt zwischen dem Flügelschlag eines Schmetterlings und dem Weltgebäude. Und das umso mehr, je gewichtiger so ein Schlag daher kommt. Vor allem wenn es sich dabei um Panzer handelt ...

Aber zurück zu dieser jungen Frau: Josef Stalin jedenfalls hatte sie auch befreit. Jedenfalls von dem, was sie hatte, was sie aber – das muss um der Redlichkeit Willen gesagt sein, was sie aber zeitlebens nicht dem Stalin anlastete sondern dem Hitler, auch das dann der ukrainische Teil ihrer Familie umgekommen ist. Woran konkret aber dann wohl doch eher der Stalin schuld war, wenn ich es recht bedenke. Das lassen wir jetzt aber so stehen, es ist ja auch egal, welche bedeutenden Herrschaften den Menschen das Leben versalzen oder gleich ganz nehmen. Und auch, wer dann wider jedem Plan sogar etwas davon hat, davon profitiert hat, also ich zum Beispiel. Denn diese junge Frau wird ungefähr zehn Jahre später in einem deutschen Kinderheim auftauchen und einfach sagen: den nehme ich mit. Aber das steht auf einem anderen Blatt samt der armenischen Großmutter und der nicht aufgefundenen Familiengruft auf dem deutschen Friedhof: Es waren 42 Grad Celsius und der Begleiter meinte zu B.R.: Noch eine habe Stunde und dann kannst du dich gleich reinlegen in die Gruft – ich geh jetzt. Und so gingen sie und saßen dann der alten und längst, also damals einst abgewrackten Synagoge fast gegenüber unter einem schützenden Zeltdach.. Die Kellnerin grüßte sie schon von weitem. Sie hatten gestern schon hier gesessen. Die Brunhilde damals, muss etwa genauso alt gewesen sein. Fünfundzwanzig so, meinte der Freund, die freundliche Kellnerin abschätzend, die sich sicher über das Trinkgeld wunderte welches sie dann in der Speisekarte vorfand. Seine Rumänisch- Kenntnisse hatten ihm zwar hier nichts genutzt, aber das machte nichts.

Nun muss man einfach um der Wahrheit Willen sagen, dass die Rumänen keine zwei Jahre nachdem der Stalin die halbe Bukowina und auch Bessarabien und befreit hatte zusammen mit den Deutschen zurück gekehrt waren. Und die Synagoge schräg gegenüber von dem Zeltkaffee wäre, wenn sie nicht schon von Stalin geschlossen worden wäre, dann wäre sie erst recht geschlossen worden oder wahrscheinlicher auch gleich abgebrannt. Und sie, die Rumänen haben dann – ganz ohne die Hilfe der Deutschen - die Juden in Czernowitz und nicht nur dort gefangen und umgebracht. Und nur wer vorher evakuiert werden konnte, konnte weiter leben. L.B. soll bis in den Ural gekommen sein, sagt die Wikipedia. So etwas schreibt sich so einfach hin. Aber wie kommt so ein Kind bis in den Ural? Und wie kommt eine junge Frau so in den Thüringer Wald? Und wie kommt sie dann dazu – zu diesem B.R. zum Beispiel... Und wie kommt dann ein B.R. zu  L.B...?

Stalin ist schuld. Oder ähnlich? Oder steckt in dem Chaos, welches selbst von Schmetterlingsflügeln ausgelöst werden kann, letztlich auch eine Ordnung. Begegnet sich, was sich begegnen musste, ganz gleich wie die Zeiten laufen? Kein geringerer als Max Frisch hat das einmal durchgespielt oder durchspielen lassen: Biografie – ein Spiel. Und wenn dem so ist, wenn jede Variante im Kern auf das Gleiche hinliefe? Aber was ist denn das: der Kern. Fragezeichen.

Du, sagte Detlev, der Lev. will dass wir zur Jiwo, also zur Jiddischen Woche in Dresden ein Stück machen. Er sagte es wieder in seiner unbeschreiblichen Art, mit der sofort klar war, dass es ein bisschen Arbeit bedeuten würde und natürlich keine Widerrede infrage käme. Ein Stück, ein Poem: Über Stalin und Michoelsii. Es ist von Aron Wergelisiii oder ähnlich, einem alten Stalinisten, der aber nun ausgerechnet ein solches Poem hinterlassen hat. Auf Jiddisch. Er wird es dir schicken. Und der Lev schickte per email eine Datei und folgende Worte:

Liebe Bernd und Detlef,  der Text, den ich schicke, besteht aus der gekürzten und inhaltlich verpünktlichten Variante des Textes von Anna und weiter folgenden meinen Kommentar zum Poem aus der Ausgabe, die ich vorbereite. Nach dem ihr das ins echte Deutsch bringt, schickt mir bitte den ausgebesserten Text. Lev“

Nein, das war schon das echte Deutsch, ich musste es nur ein wenig noch weiter verdeutschen. Vorsichtig, behutsam, die Poesie nicht schmälernd. Ich kann das Stück jetzt nicht ausführen – nur soviel: Dem Stalin erscheint darin also Michoels, der vordem der Chef des Moskauer jüdischen Theaters gewesen ist. Er erscheint ihm erst einmal kurz nach seinem Tod bei einem Verkehrsunfall, den der große Arrangeur solcher Todesfälle, also der Genosse Stalin, ins Werk gesetzt hatte und dann in der zweiten Szene, als der verdiente Mörder der Völker selbst das Zeitliche gesegnet hatte. Wir haben das dann als szenische Lesung aufgeführt und so habe ich Lev kennengelernt. Stalin ist also schuld und Michoels sei Dank. Es anders herum zu denken wäre eine Unmöglichkeit, eine Blasphemie. „Bilden Sie mit mir kein Paar“ sagt Michoels im Stück und zum Schluss, bilden Sie mit mir kein Paar: Sie werden wie im Nachtnebel auftauen.. Er aber steht in der Schminke des König Lear, seiner schönsten Rolle auf der Bühne seines Theaters.

Es ist Utopie, beides ist Utopie – der notwendige Traum, der zur Kunst gehört – und: wir haben das im letzten Jahrhundert vielleicht begriffen – nicht zur Wissenschaft. Nur in der Kunst können wir vorgreifen bis hinein in das Unvorhersehbare. Die Wirklichkeit, freilich, geht der Kunst nur vielleicht hinterher. Mit riesigen Abstand bestenfalls. Schon das ist fraglich. Nein, der Nachtnebel nimmt die Stalins so schnell nicht fort. Manchmal kommt sogar die Geschichte zurück. Manchmal aber auch nicht. Manchmal macht sie doch einen Strich unter die Zeiten. Damals in Czernowitz habe ich zum Beispiel verstanden, dass verspielt ist, was so fürchterlich vertan wurde. Was die Deutschen betrifft habe ich diesbezüglich Hoffnung, die Umfragen betreffend jedenfalls – der Politik möchte ich aber trotzdem nicht so leicht vertrauen. Natürlich: alles ist anders – aber gut ist es kaum...

Lieber Lev, ich bekomme es auch nicht mehr ganz zusammen – es sollte nach Detlev darum gehen, wieso ich dich kennen gelernt hätte, besser, wieso wir uns kennengelernt haben. Und ich habe dafür dann meine Tante, Josef Stalin, ein verlassenes Haus in Czernowitz und eine junge schöne Kellnerin bemüht. Und nicht zu vergessen Michoels, wie dieser den Lear gespielt. Den Lear, der sehend blind war und blind sehend wurde...

Es wird also schon so sein, dass alles was war, dazu gehört, das es ist wie es ist. Und deshalb, deshalb tut es gut und ist es gut, dem Fiedler auf dem Dach zuzuhören, wenn er die Melodie spielt.

Fröhlich und traurig – wie es zusammen nur eine Geige kann : und das menschliche Herz.

Le chaim Lev, Le chaim

Bernd Rump

iLev Berinski, auch Lew Samuilowitsch Berinski, * 6. April 1939 in Căușeni, Rumänien, heute Moldawien ist ein in Jiddisch und Russisch schreibender Schriftsteller und Übersetzer.

iiSolomon Michailowitsch Michoels, geboren als Schiloma Wowsi, * 16. März 1890 .in Dwinsk, heute Daugavpils, Lettland; † 12. Januar/13. Januar 1948 in Minsk, Weißrussland) war ein russisch-jüdischer Schauspieler und Regisseur. Er war der bedeutendste Vertreter des Jiddischen Theaters im 20. Jahrhundert.

iiiAron Alterowitsch Wergelis; *1918 in Ljubar, Ukraine; jiddischer sowjetischer Dichter und Publizist; Chefredakteur der von ihm gegründeten Zeitung „Sowetisch Hejmland“ 1961-1993; † 1999 in Moskau